Vor genau hundert Jahren liess sich der Berner Maler Otto Meyer-Amden im hoch über dem Walensee thronenden Bergdorf Amden nieder und begründete mit seinen Künstlerfreunden dessen Ruhm als Künstlerkolonie der frühen Moderne. Seit 1999 erlebt das Dorf eine künstlerische Renaissance. Für eine abseits gelegene, alte Scheune kreieren Kunstschaffende aus aller Welt Werke, die sich bewusst dem Ort und seiner Geschichte zuwenden. So ist das Atelier Amden zu einem weit ausstrahlenden Pilgerort für aussergewöhnliche Kunstbegegnungen geworden. Für dieses mit Umsicht und grossem, persönlichem Engagement geführte Projekt zeichnet die St.Gallische Kulturstiftung den Initiator und Kurator Roman Kurzmeyer mit einem Anerkennungspreis aus.
1912 – vor genau 100 Jahren – kam der Berner Maler Otto Meyer auf Einladung des Künstlers Hermann Huber zum ersten Mal nach Amden und liess sich dort gemeinsam mit seinem Freund nieder. Er hatte eben sein Studium bei Adolf Hölzel in Stuttgart abgeschlossen. Das Bergdorf hoch über dem Walensee begeisterte den Künstler derart, dass er dessen Namen zu seinem eigenen machte und sich fortan Meyer-Amden nannte.
Andere Künstler liessen sich ebenfalls in Amden nieder, und zahlreiche Freunde kamen zu Besuch, so Willi Baumeister, oder Johannes Itten und Oskar Schlemmer, die beide am neu gegründeten und dereinst legendären Bauhaus in Weimar tätig waren.
Bis 1928, als der Künstler ein Lehramt in Zürich annahm, lebte und wirkte Otto Meyer in Amden.
Doch das Dorf hatte, noch bevor es zur kleinen Künstlerkolonie wurde, eine Vergangenheit als eine Art kleiner Monte Verità. Denn um 1903 versuchte der Meraner Unternehmer und selbsternannte „Prophet“ Josua Klein einen Wallfahrtsort für Gottsucher, Spiritisten und Okkultisten, vor allem aber für Menschen auf der Suche nach sich selbst zu errichten und gründete die Siedlung Grappenhof. Klein kaufte 10 Wohnhäuser, 23 Wirtschaftsgebäude und Wiesen, Acker und Wald, und baute das grosse Wohnhaus Grappenhof. Zudem kaufte er die Villa Seewarte in Weesen, die er als Künstlerhaus einrichten wollte. Er beauftragte den Berliner Jugendstilkünstler Fidus mit dem Entwurf mehrerer „Tempel des undogmatischen Glaubens“. Doch scheiterte Josua Kleins Traum schon nach 3 Jahren an finanziellen Problemen. Die hochtrabenden Ideen – z.B. wollte Klein eine elektrische Bahn von Weesen über Amden auf den Speer bauen – scheiterten an schierer Unrealisierbarkeit. 1906 verkaufte er alle Gebäude und verliess das Land Richtung Amerika.
Der Künstler Hermann Huber hatte von den leerstehenden Häusern der Siedlung gehört und mietete 1912 ein Bauernhaus, das er für 1 Jahr zusammen mit Otto Meyer-Amden bewohnte. Dieser blieb 16 Jahre lang. Hier entstehen seine bekannten Kinderbildnisse, sowie Landschaften, religiöse und mystische Kompositionen, und Zeichnungen vom Alltag einer Weberfamilie aus der Nachbarschaft.
Nach Meyer-Amdens Wegzug wurde Amden wieder zum stillen Bergdorf und Ferienort, die Künstler verschwanden und die reformerische und – etwas weniger – die künstlerische Vergangenheit gerieten in Vergessenheit.
Bis 1999 der Kunstwissenschaftler Roman Kurzmeyer in seiner Dissertation die lebensreformerische Episode der Dorfgeschichte erforschte und zusammen mit dem Kunsthaus Glarus die Doppel-Ausstellung „Viereck und Kosmos“ und ein Symposium über die Lebensreformer und den Künstlerkreis um Otto Meyer-Amden organisierte. Zusätzlich lud er die drei zeitgenössischen Kunstschaffenden Anya Gallacio (GB), Katharina Grosse (D) und Anselm Stalder (CH) ein, im Gelände um den Grappenhof Werke zu realisieren.
Daraus entwickelte sich die Idee, mit dem Atelier Amden die Möglichkeiten einer zeitgenössischen Form der künstlerischen Produktion in diesem idyllischen Bergdorf auszuloten.
Roman Kurzmeyer wurde 1961 im Luzernischen Reiden geboren. Er ist Dozent an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel und Kurator der Ricola Sammlung. Die Liste von Ausstellungen und Publikationen ist lang, beispielsweise kuratierte er im vergangenen Jahr im Liechtensteiner Kunstmuseum Vaduz die Ausstellung „Beispiel Schweiz: Entgrenzungen und Passagen als Kunst“. 2004 wurde ihm der Meret Oppenheim Preis verliehen. Kennzeichnend für sein Schaffen ist, dass er die Kunst in ihrem historischen und topografischen Umfeld betrachtet und gelegentlich auch ungewöhnliche Bezüge entdeckt und herausarbeitet. Auch die enge Zusammenarbeit mit den Kunstschaffenden ist ihm ein grosses Anliegen.
In Amden bespielen seit nunmehr 13 Jahren Künstlerinnen und Künstler aus der Schweiz und dem Ausland eine alte Scheune unterhalb des ehemaligen Wohnhauses von Meyer-Amden und gelegentlich den Aussenraum oder andere Gebäude mit ihren Werken. Diese werden in bewusster Auseinandersetzung mit dem Ort und seiner Geschichte, oft auch an Ort und Stelle geschaffen.
Vernissagen und Veranstaltungen gleichen jeweils kuriosen Exkursionen. Von weit her kommen die Kunstfreunde, um vom Dorf zur Scheune zu wandern und die neuen Schöpfungen zu betrachten. Es kann auch passieren, dass die Gäste im strömenden Regen zur Vernissage wandern. Ein besonderes Erlebnis ist es allerdings, wenn man alleine hingeht. Der kleine Pfad durch die Landschaft, der Blick schweift über den dunklen Walensee zu den Glarner und Bündner Bergen, und dann steht man vor dieser schäbigen Scheune, die immer wieder überraschende Kunstwerke birgt. Alle Sinne sind schon hell wach, wenn man dort eintrifft. Es sind eindrückliche und bewegende Kunstbegegnungen, weit ab von den oft sterilen Ausstellungsräumen. Hier wird eine Kunstbetrachtung möglich, die von Vertiefung, Stille und Konzentration geprägt ist.
Die Liste der Künstlerinnen und Künstler ist lang und international, und die Vielfalt ihrer Interventionen beeindruckend. Sie arbeiten in unterschiedlichsten Medien, ob Malerei, Skulptur, Fotografie, Installation, oder mit konzeptuellen Ansätzen. So kamen Schweizer KünstlerInnen wie Annelies Strba, Christine Streuli, Adrian Schiess, Anselm Stalder, Bruno Jakob sowie Katharina Grosse oder Eran Schaerf aus Deutschland, Pawel Altheimer aus Polen, um nur wenige zu nennen. Vor zwei Jahren schuf Katalin Deér aus St. Gallen eine Arbeit aus Stuckmarmor im Gaden. Übermorgen, Sonntag, findet eine weitere Vernissage statt mit einem Werk des irisch-amerikanischen Künstlers Brian O’Doherty (auch bekannt unter dem Namen Patrick Ireland). Die Herausforderung, in dieser ungewöhnlichen Umgebung zu schaffen scheint immer wieder auch ausserordentliche Ideen zu kreieren und das eigene Schaffen in einem ungewohnten schöpferischen Kontext zu befragen. Den Interventionen gemeinsam ist, dass sie sich meist in zurückhaltender Weise in die Räume einfügen, manche Eingriffe sind zunächst kaum zu entdecken, andere schaffen einen Kontrapunkt zu den alten Balken und krummen Planken der Scheune.
Dem Umstand, dass nicht alle den Weg zum abgelegenen Gaden finden und wohl auch kaum jemand alle Ausstellungen besuchen kann, trägt Roman Kurzmeyer mit einer informativen Webseite Rechnung, wo nicht nur Bilder der Installationen, sondern auch Ausführungen über das Schaffen der Künstlerinnen und Künstler zu finden sind. Und durch eben diese weitet sich der Horizont des Projektes in die (Kunst-)Welt hinaus, indem sie ihre Projekte in Publikationen und auf Webseiten dokumentieren. Eine Wechselwirkung, die dem Kurator ein grosses Anliegen ist und die dem abgelegenen Projekt jene Weltläufigkeit gibt, die vor 100 Jahren durch die Anwesenheit der Künstler schon einmal bestanden hatte.
So ist das Atelier Amden zu einem weit ausstrahlenden Pilgerort für Kunstbegegnungen abseits der emsigen Kunstszene und des lauten Alltags geworden.
Für dieses mit Umsicht und grossem, persönlichem Engagement geführte Projekt zeichnet die St. Gallische Kulturstiftung den Initiator und Kurator Roman Kurzmeyer mit dem Anerkennungspreis aus.
http://www.atelier-amden.ch