St. Gallische Kulturstiftung

2026, Frühjahr

Vanessà Heer & Caroline Ann Baur

  • aus Zürich
  • Förderpreis über Fr. 10000.– für die Region Fürstenland
  • Sparte: Bildende Kunst

Urkunde

Das kollaborative Schaffen von Vanessà Heer und Caroline Ann Baur zeigt sich häufig in Soundscapes, präzisen räumlichen Klanginterventionen. Wer sich darin aufhält, wird zur genauen Zuhörer:in und Teil von neuen sozialen Räumen. Das gemeinsame Machen und Zuhören sowie das Aufwerten von feminin konnotierter Arbeit wie Weben oder Flechten haben in ihren interdisziplinären Werken einen hohen Stellenwert. Vanessà Heer und Caroline Ann Baur zeigen über ihre performativen und installativen Arbeiten – sie realisieren diese zusammen, alleine sowie in weiteren Kollektiven – wie Kunst gemeinschaftsbildend sein kann. Ein Ansatz, der dringlicher nicht sein könnte für die Zukunft unserer Gesellschaft.

 

Laudatio, Simone Kobler, Kunst(Zeug)Haus Rapperswil

Vanessà Heer und Caroline Ann Baur öffnen mit kollektivem Mut Räume. Akustische Räume und Denkräume. Seit rund zehn Jahren arbeiten die beiden in St. Gallen geborenen und in Wil (Vanessà Herr) und Gais (Caroline Ann Baur) aufgewachsenen Künstlerinnen immer wieder zusammen. Darüber hinaus sind beide auch in anderen Kollektiven aktiv. Wer dem gemeinsamen Schaffen des Duos genau zuhört, wird Teil der Arbeiten und der thematisierten sozialen Räume.

So auch im gezeigten Beispiel in der Kunst Halle Sankt Gallen. Das Publikum betrat eine Anordnung aus gelben Schaltafeln. Durch das Betreten der vibrierenden Bretter wurde man Teil von Soundscapes, welche die Künstlerinnen in einem weiteren Raum, in welchen wir hier blicken, als Reaktion auf die Bewegungen der Besuchenden erzeugten. Die Installation wurde zum Medium, das körperliche Präsenz gegenseitig übertrug.

Heer und Baur spielen mit An- und Abwesenheiten von Körpern und ihren klanglichen Emissionen. Klang ist immer wieder ein Element ihres Schaffens. So auch bei den zwei hier bei uns gezeigten Fotografien, die das Duo in persönlich gestalteten Kostümen zeigen. In loser Anlehnung an die Tradition des Silvesterchlausens entwickelte Vanessà Heer das Langzeitprojekt ’nSchuppel. Feministische und queere Perspektiven brechen die männliche Schuppel-Tradition auf. Schuppel – eine Gruppe von Männern, die unter anderem als Frauen verkleidet im Kanton Appenzell von Hof zu Hof ziehen und ein gutes neues Jahr wünschen. Der gesungene Alpsegen von Heer und Baur, der ebenfalls in der Ausstellung zu hören ist, besingt weltweite und lokale Revolutionärinnen wie Rosa Luxemburg, Masha Amini oder Hildegard von Bingen – und die Appenzellerin Theresia Rohner, die lehrt, dass „au im Schatte vom Säntis s’Patriarchat nöd ewig blibt“. Der Alpsegen endet: „So seged die Hügel gsägnet, mit all ihrne Bewohner:inne. Hüt, morn und im Kommende. Amen – oder was immer mir säged, wenn mirs würklich meined.“

Inklusiv und mit einem weiten offenen Blick hinterfragt das Duo, wie sich Kulturerbe so bewahren lässt, dass es lebendig bleibt und offen für neue Perspektiven ist? Wie kann es gelingen, marginalisierten Stimmen Gehör zu verschaffen? Die Arbeiten von Heer und Baur sind kein leises Flüstern, sie rufen über Hügel und Grenzen. Wer darf sprechen, was muss geschützt werden und wie klingt Befreiung?

Vanessà Heer und Caroline Ann Baur – kollaborativ, sinnlich und resonant.

https://www.vanessaheer.com/9878955