St. Gallische Kulturstiftung

1993, Frühjahr

René Gilsi

  • aus St.Gallen
  • Anerkennungspreis über Fr. 5000.– für die Region St.Gallen
  • Sparte: Maler, Grafiker, Karikaturist

Urkunde

Die St.Gallische Kulturstiftung verleiht dem Grafiker und Maler René Gilsi in Würdigung seiner besonderen Verdienste als Karikaturist und Illustrator von Zeitschriften und Büchern einen Preis. Sie anerkennt damit den bedeutsamen und wertvollen Beitrag, welchen er in Wort und Zeichnung geleistet hat, vorab in schwerer, bedrohlicher Zeit, ebenso mutig wie gekonnt, mit spitzem Zeichenstift durch treffsichere Karikaturen mahnende und kritische Texte verstärkt und verdeutlicht hat. Mit dem Anerkennungspreis verbindet sich Dank für ein künstlerisches Werk, das einem offenen Herzen und einem kritischen Verstand gleichermassen verpflichtet ist.

 

Laudatio

‚Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Diese Feststellung trifft zweifellos zu und insbesondere, wo das Bild einen Text verdeutlichen, eine Aussage verstärken soll. Einen Gedanken, ein Ereignis, eine Situation mit wenigen wohlgesetzten, lockeren Strichen auf den entscheidenden Punkt zu bringen, ist eine Kunst, welche der St. Galler Maler und Zeichner René Gilsi meisterhaft beherrscht Den Zeichenstift zu führen, bedeutete ihm schon in jungen Jahren keine Beschwer, im Gegenteil! Eine scharfe Beobachtungsgabe, ein wacher Verstand und eine sichere Hand erwiesen sich als gute Grundlage für den Einsatz der Karikatur als eines Ausdrucksmittels, das durch bewusste Übertreibung mit einfachen Mitteln nachhaltig zu wirken vermag.

 

Die Neigung zum Zeichenstift, die Lust am linearen Ausdruck in Schrift und Bild, ist wohl ein Erbstück vom Vater und von der Mutter. Rene Gilsi ist ein Künstler der Linie, ein Künstler auch und Mensch mit eigenständiger, gerader Linie. Noch immer führt er einen spitzen Griffel. Sein freier Geist kennt keine Altersmilde im Kampf gegen Wankelmut und Spiessertum, gegen Machtmissbrauch oder Umweltzerstörung. Von seinem grossen Werk steht heute das Zeichnerische im Vordergrund, soweit es mit der Illustration von Büchern zu tun hat und als Karikatur eine Aussage durch Übertreibung und Abstriche auf das Wesentliche reduziert. In besonderem Masse sind seine Fähigkeiten ans Licht getreten in der Mitarbeit am Nebelspalter, für den er schon 70 Jahre lang und noch immer tätig ist. Achtung gebietendes, mutiges Auftreten gegen Unfreiheit und Menschenverachtung ist ihm noch immer eigen wie seinerzeit im Kampf gegen braunes Gedankengut. Was da so locker und leicht, so witzig und spritzig daherkommt, ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Es ist nicht alles Eingabe, was künstlerische Darstellung hervorbringt: Das meiste ist Arbeit, Mühe und Fleiss, will geübt, mit Herz und Hand begriffen und zu eigen gemacht sein. Erst dann lässt es sich mit so viel Gewicht in den Dienst freier Meinungsäusserung stellen und kann so träf und gekonnt auftreten wie seinerzeit Onkel Ferdinand im Schweizerspiegel.

 

Wir erinnern uns gerne und mit stiller Freude dieser Bildergeschichten. Leider sind sie etwas der Vergessenheit anheim gefallen. Aber es ist das Los der Karikatur, dass sie nur ankommt, nur einschlägt wie ein Blitz, wenn sie sich auf bestimmte räumlich und zeitlich begrenzte Ereignisse bezieht, also im besten Sinne aktuell ist. Das tut aber dem wesentlichen Beitrag von René Gilsi zum zeichnerischen Kunstschaffen keinen Abbruch. Die St.Gallische Kulturstiftung verleiht ihm in Anerkennung seines künstlerischen Schaffens und dessen zielstrebigen, kraftvollen Einsatzes für Freiheit und Menschenwürde einen Preis.