St. Gallische Kulturstiftung

2000, Frühjahr

Hanna Mehr

  • aus Flawil
  • Anerkennungspreis über Fr. 5000.– für die Region Fürstenland
  • Sparte: Schriftstellerin, Malerin

Urkunde

Die St. Gallische Kulturstiftung verleiht Hanna Mehr einen Anerkennungspreis und würdigt damit ihr umfangreiches Gesamtwerk als feinfühlende Malerin, talentierte Textilgestalterin, enggierte Autorin von Prosa und Lyrik sowie von Haikus.

 

Laudatio

Hanna Mehr sitzt mir gegenüber in ihrem geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmer und erzählt aus ihrem Leben, das nach ihrem Empfinden in verschiedenen Stufen verlaufen ist – jede Stufe brachte sie einen Schritt näher zu Textilien, zu Farbe, zu Prosa, zu Lyrik und dem von ihr so geschätzten Haiku. Die Zeit flog nur so dahin – und die Früchte des mir vermittelten Stoffes hätte mich eigentlich gereizt, eine Biographie – nicht nur eine kurze Laudatio – über Hanna Mehr zu schreiben.

 

Hanna Mehr verbrachte ihre Jugend- und Schulzeit in Freiburg im Breisgau und in Heidelberg. Die Ausbildung in den Handelsfächern behagte ihr gar nicht, deshalb benützte sie 1946 die Gelegenheit nach Zürich zu übersiedeln, wo sie Studien an der Schule für Gestaltung begann. Johannes Itten, der bekannte ehemalige Bauhauslehrer, Maler, Kunstpädagoge und Farbtheoretiker, erkannte ihr Talent und ermöglichte ihr die Ausbildung bei Otto Morach, Walter Rosshardt, Hans Lang und Emil Mehr, – ihrem späteren Gatten. Für ihr weiteres Schaffen im textilen Bereich war der Unterricht bei Elsi Giauque entscheidend. Nach dem Diplomabschluss als Innenarchitektin arbeitete Hanna Mehr in Biel, wo sie sich mit der Kreation von Vorhangstoffen befasste und Möbel entwarf. Bei dieser Arbeit wurde ihr rasch bewusst, dass ihr etwas ganz Entscheidendes fehlte: Der Kontakt zur Farbe. Das grosse Vertrauen, welches Hanna Mehr zu ihrem sie stets fördernden Lehrer Emil Mehr hatte, vertiefte sich bei gemeinsamen Arbeiten immer mehr, – wurde zur Kameradschaft, zur Freundschaft und 1951 zur Lebensgemeinschaft. Eine weitere Stufe ihres Lebensweges war erklommen!

 

Die folgenden Jahre widmete sie sich ihrer Familie, arbeitete aber in jeder freien Stunde, vor allem nachts, an Textilentwürfen und Blumenbildern. Die Farbenlehre hatte für Hanna Mehr stets einen grossen Stellenwert – es freute sie deshalb besonders, dass sie ab 1959 vertretungsweise an der Schule für Gestaltung Farblehre vermitteln durfte, eine Aufgabe, welche sie faszinierte. 1968 wurde Hanna Mehr ein Lehrauftrag für Farblehre und farbiges Gestalten anvertraut, welches sie bis 1979 inne hatte. Im ausgezeichneten Zeugnis – wer hätte etwas anderes erwartet? – steht u.a., dass sie ihren Unterricht mit „gütiger Strenge“ erteilte. Eine weitere höhere Stufe war erreicht.

 

Anfangs der 60-er Jahre begann Hanna Mehr ihre Werke auszustellen – von Anfang an waren ihre Bilder sehr gefragt. Mit Freude und Stolz berichtete sie, dass der Kanton Zürich bereits an ihrer ersten Ausstellung 1960 im Zürcher Helmhaus verschiedene Bilder erwarb. Und es freute die Künstlerin, dass sie auch Ausstellungen zusammen mit ihrem Gatten gestalten konnte. Zum Beispiel wurden die Arbeiten, die auf und nach einer Chinareise entstanden, zusammen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Emil Mehr zeigte seine Aquarelle – Hanna Mehr ihre Textilarbeiten. Die China-Reise-Erlebnisse beeinflussten das Ehepaar Mehr sehr, nicht nur im Gestalten ihrer Werke, sondern auch in der geistig- philosophischen Auseinandersetzung. Hanna Mehr wurde durch ihre Blumenbilder bekannt. Der Wiler Maler Karl Peterli äusserte sich einmal dazu wie folgt: „Die Malerin sieht die Blumen im Zusammenhang, im Bildgefüge, in den Grenzen von Senkrechten und Waagrechten. Sie nimmt aus der Natur was sich bietet. Man Fragt: Wieviel Natur ist ihr Modell gestanden – wo hört das Vorbild auf – wo fängt ihre eigene Schöpfung an?“

 

Hanna Mehr zügelte mit ihrer Familie 1979 nach Mogelsberg – ein Stickerhaus wurde zu ihrem Heim, das sie mit viel Liebe und Engagement einrichtete. Das textile Gestalten begeisterte sie. Es entstanden klein- und grossformatige Bildteppiche sowie kleine Textilbilder, in denen das Element Fläche seinen Stellenwert bewahrte. Die einzelnen Stoffteile nähte sie von Hand zusammen – die einzelnen Stiche sind so fein, dass sie kaum erkannt werden. Im Verlaufe der Jahre beteiligte sich Hanna Mehr immer wieder an Ausstellungen – diese alle aufzuzählen würde den Rahmen der heutigen Laudatio sprengen. Eine Ausnahme muss ich aber machen: 1997 fand anlässlich des 70. Geburtstages der Künstlerin im Ausstellungssaal des Regierungsgebäudes eine stark beachtete Ausstellung statt – auch diese bedeutete den Schritt auf eine höhere Stufe. Während der Krankheit ihres Gatten malte Hanna Mehr nicht mehr – 5 Jahre ruhten die Pinsel. Nach dem Tod von Emil Mehr im Jahre 1988 begann für die Künstlerin eine Neuorientierung ihrer Arbeit – eine weitere Stufe wurde genommen. Schreiben wird für sie wichtig ( seit 1947 führt Hanna Mehr ein Tagebuch). Gedichte und Kurzgeschichten entstanden – sie wandte sich auch dem Aquarellieren zu, was früher die Domäne ihres Mannes war. Sie setzte sich eingehend mit der Aquarellmalerei auseinander und schrieb dazu: „Aquarellmalerei ist Transparenz, auch Veranschaulichung innerer Transparenz. Hier kann nichts überdeckt und korrigiert werden. Hier ist was ist!“

 

Auf den Reisen in den Fernen Osten hat Hanna Mehr das Haiku kennengelernt. Als Ergänzung zu ihren Prosatexten und zur Lyrik bewegt sie sich gerne und gekonnt in der strengen, knappen Form, die das Haiku verlangt. In den zugestandenen 17 Silben (5/7/5) zählt jede Silbe – der Leser soll aber nie den Eindruck haben, dass man um die einzelnen Silben rang. Das Haiku muss eine Leichtigkeit haben wie ein Glockenklang. Beim Lesen einiger Haikus hat mich das folgende sehr angesprochen:

 

Farbe im Pinsel
Zeichen auf weissem Papier
bin ich das wirklich?

 

Ja, das bist Du Hanna! Treffender hätte niemand Deine erfolgreiche, überzeugende Arbeit als talentierte Malerin und Autorin beschreiben können! Ich freue mich, Hanna Mehr im Namen der St. Gallischen Kulturstiftung einen Anerkennungspreis, welcher mit Fr. 5000.- dotiert ist, zu überreichen.