Flavio Hodel verfolgt in seinen Arbeiten das Prinzip «Verfremden und Fragmentieren» seit Jahren mit bewundernswerter Beharrlichkeit. Bildfragmente, Videomaterial, Tonaufnahmen oder Gegenstände werden verfremdet, erweitert und bruchstückhaft inszeniert, Filmmaterial auf freihängende GipsPlatten projiziert. So entstehen reichhaltige und vielfältige Gemische, welche sich dem Bedürfnis nach Ordnung und Eindeutigkeit entziehen. Zwischen Auseinanderfallen und Zusammenführen eröffnen sie neue Betrachtungsräume jenseits linearer Denk- und Wahrnehmungsmuster. Hodels filigrane Arbeiten in unterschiedlichsten Materialisierungen zeugen von hoher Sensibilität für Stimmungen und Wirkungen.
Flavio Hodel trifft mit dem Grundgedanken seiner Arbeiten, dem Hinterfragen von scheinbar Gegebenem, einen Nerv der Zeit. Mit seiner Kunst unterbricht er Routinen, er prüft Gewissheiten und er wirft Fragen nach dem Selbstverständlichen auf.
Ursprünglich kommt Flavio Hodel von der Malerei her. In den letzten Jahren arbeitet er vermehrt installativ. Häufig mit Sound und Video (Bild: Filminstallation Entropia, 2025.) Seine Installationen sind mehrteilig angelegt. Im mehrdimensionalen Blick werden die Bilder nicht als Ganzes und nicht gleichzeitig wahrnehmbar, unser Betrachtungsschwerpunkt verschiebt sich darüber hinaus immer wieder durch unsere eigene Bewegung. Dabei interessiert es den Künstler, weg von linearen Denkmustern zu kommen. Auch Fehlerhaftigkeiten und das Infragestellen von Vollständigkeit gehören dazu.
Die Serie Entropia (Portale), die in der die Preisverleihung begleitenden Ausstellung zu sehen ist, ist wiederum malerisch angelegt. Auch in dieser geht es um unsere Blicke auf die Welt, die er mit künstlerischen Mitteln, sowohl technisch als auch konzeptuell und bildlich, reflektiert. Hodel setzt sich mit der Frage auseinander, warum wir Unumkehrbarkeit nicht ganz fassen können und warum wir uns so schwer damit tun, uns Szenarien wie die Klimakatastrophe und ihre Kipppunkte vorstellen zu können. Entropie – Unordnung – in physikalischen Prozessen ist nicht umkehrbar. Sie ist irreversibel.
Die sieben Gipsbilder in der Ausstellung sind mit einer besonderen Gusstechnik entstanden. Dafür arbeitete der Künstler auf einer glatten, festen Oberfläche, die er zunächst mit unterschiedlichen schwarzen Farbschichten bemalte. Wenn er anschliessend die Gipsmasse darüber giesst, beginnt ein Prozess, den er nur bedingt steuern kann: Die Giessmasse reagiert je nach Zusammensetzung und Trocknungsgrad der Farbe ganz unterschiedlich. Genau dieser Moment des Kontrollverlusts ist zentral für Hodel. Pigmente verzweigen sich, fliessen ineinander oder lösen sich wieder auf. So entstehen komplexe Strukturen, die Bewegung im Stillstand wiedergeben, an tektonische Verschiebungen oder sphärische Prozesse erinnern oder auch etwa an einen Pilz. Die Bilder bestechen durch Weichheit der Übergänge und ziehen uns in den Bann, treten wir ihnen näher, erkennen wir erst Brüchigkeiten an den Kanten und rohe Gipsmasse, die unter den nicht flächendeckenden Farbausläufen zum Vorschein kommt.
Flavio Hodels Bildwelten erzeugen durch ihre Fragmentierungen, ihre in Raum gestellte Fehlerhaftigkeiten sowie ihre Fragilitäten, mitunter auch der Materialien, eine gleichsam poetische wie beunruhigende Spannung.
Flavio Hodel – hinterfragend, prozesshaft, fragmentierend
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