St. Gallische Kulturstiftung

2018, Winter

Bernard Tagwerker

  • aus St.Gallen
  • Kulturpreis über Fr. 20000.– für die Region St.Gallen
  • Sparte: bildender Künstler

Urkundentext

Den überlieferten Bildern des genialen, von der Muse geküssten Künstlers und der Ausdruckskraft seiner Handschrift begegnete Bernard Tagwerker seit je mit Skepsis und Ironie. So bricht er als junger Künstler ins Reich des Zufalls auf, dem er fortan die ästhetische Gestaltung überantwortet. Die künstlerische Handschrift als Ausdruck der Persönlichkeit vermeidet er durch den Einsatz von Maschinen. Dass trotz dieser radikalen Vermeidung subjektiver Gestaltung ästhetische, sinnliche Werke entstehen können, beweist der Künstler in seinem umfassenden Oeuvre. Für seine andauernde Entdeckungsreise und Forscherlust sowie für die Einzigartigkeit und Aktualität seines Schaffens zeichnet die St.Gallische Kulturstiftung Bernard Tagwerker mit dem Kulturpreis aus.

Laudatio, von Corinne Schatz, Präsidentin

Laut Alexander Kluge nannte Walter Benjamin ein ihm bekanntes Mitglied des Bauhauses einen „Zirkusdirektor des Zufalls“. Benjamin verstand die Bemerkung als Ermunterung. Es sei nämlich schwer, sagte er, diese widerspenstige, auf Überraschung zielende Rasse wirklicher Verhältnisse, die wir Zufall nennen, die sich fast nie auf der Durchschnittsstrecke bewege, aus der sich aber Geschick und die Umstände komponieren, publikumsgerecht für den Zirkus zu dressieren. Vollendet sei diese Kunst dann, wenn die Zufälle sich noch ganz in ihrem wilden oder halbwilden Zustand befänden und doch dem Gesetz der Form, das unter der Zirkuskuppel gilt, sich einfügen. Die Spannung, sagt Walter Benjamin zwischen Unbeherrschbarkeit und Disziplin, zwischen chaotischer Basis (auf diesem Boden würden die Artisten zerschellen) und dem Trapez oben: Das ist das Prinzip der Kunst.

(Alexander Kluge, Gerhard Richter, Nachrichten von ruhigen Momenten, Bibliothek Suhrkamp 2013)

 

Sind diese Worte auf unseren heutigen Preisträger, Bernard Tagwerker übertragbar? Vielleicht, er wurde ja auch schon als „Meister oder Herr des Zufalls“ bezeichnet. Denn der Zufall, den er seit vielen Jahren als Komplizen in die Schaffung seiner Kunst einbezieht, ist ein gewissermassen gebändigter. Der Künstler gibt ihm den Rahmen – das Zirkuszelt und das Trapez – die Choreografie jedoch entwickelt das gewählte System. Etwas technischer ausgedrückt: Tagwerker bestimmt die Parameter, in denen sich der Zufall entfalten kann. Er bestimmt Material und Technik, programmiert und lässt seine Computer rechnen und Maschinen zeichnen, malen oder dreidimensionale Objekte aufbauen.

 

Doch wie kam Bernard Tagwerker überhaupt zum Zufall? Ein kurzer Blick zurück.

 

Bernard Tagwerker wird 1942 in Speicher geboren. Er absolviert eine Ausbildung zum Textilentwerfer in St.Gallen und studiert zwischen 1960 und 1967 in Paris bei André Lhote und in der Académie de la Grande Chaumière. Zurück in der Schweiz lässt er sich in St.Gallen nieder, arbeitet zeitweise als Zeichenlehrer und widmet sich seiner eigenen künstlerischen Arbeit. Es ist die Zeit, als in der Schweiz die Pop Art rezipiert wird und erste hyperrealistische Werke entstehen.

 

Die ersten im Werkkatalog von 1997 aufgeführten Arbeiten datieren ins Jahr 1969. Schon damals zeigt sich ein analytischer Ansatz in Radierungen zur Anatomie oder Studien zu einer Streichholzschachtel. Wolken und die Fliegerei haben es dem jungen Künstler ebenfalls angetan. Ikarus und dem Schneider und Flugpionier Albrecht Ludwig Berblinger setzt er ein Denkmal. In diesen frühen Arbeiten vereinen sich ein analytisches Interesse an Konstruktion, eine technisch-wissenschaftliche Strichführung und Experimentierfreude im Einsatz der künstlerischen Mittel. Was ihn an solchen Figuren jedoch besonders bewegt, ist ihr utopischer Drang Unmögliches zu erreichen – und – ihr Scheitern.

 

Darauf folgt die vielfältige Werkgruppe zum Thema Säntis, welche Grafik, Objekte und Installationen umfasst. Bekannt ist natürlich die Kooperation mit Roman Signer in mehreren Projekten, legendär aber jenes auf dem Bodensee vor Arbon, wo die beiden Künstler mit weissen Ballonen die Kontur des Säntis in den Himmel zeichneten (1975). Das enorme Medienecho führt dazu, dass sich Tagwerkers Arbeiten zum Säntis zunehmender Beliebtheit erfreuen – ein zwiespältiger Erfolg. Denn die Ironie und die aussergewöhnlichen Werkstoffe und Formate seiner Persiflagen auf das heimatliche Motiv scheinen dabei zunehmend übersehen zu werden. Vielmehr drohen sie genau das zu werden, was sie ironisch zu brechen suchen – etwas überspitzt gesagt „sentimentale Souvenirs für Säntisbegeisterte“.

 

Der Künstler reagiert darauf mit einer radikalen Abwendung von seinem bisherigen Schaffen und übermalt alle sich noch in seinem Besitz befindlichen Blätter mit weisser Lackfarbe. Das ist zugleich eine Auslöschung des traditionellen Bildes wie die Schaffung einer leeren Fläche als Ausgangspunkt für ein neues Werkkonzept. Diese Abkehr geht einher mit der Übersiedlung aus der Provinz in die Weltstadt New York, wo die ersten mit Zufallssystemen geschaffenen Werke entstehen.

 

Die Motivation, den Zufall in die gestalterische Arbeit einzubeziehen gründet bei Bernard Tagwerker in erster Linie in einer tiefen Skepsis gegenüber den landläufigen Vorstellungen künstlerischen Schaffens.

 

Bis in unsere Zeit beschreibt man den Moment der künstlerischen Inspiration mit dem geflügelten Wort: Von der Muse geküsst. In der Antike waren es die Götter und Apollons Musen, welche den Menschen in seinen Schöpfungen lenkten und förderten. Dass allerdings keine der neun Musen für bildnerische Künste zuständig war, ist doch bemerkenswert und wirkte bis weit ins Mittelalter hinein, als Malerei und Skulptur nicht einmal zum Kanon der freien Künste gehörten…..

 

Seit der Renaissance begegnen uns die Künstler als Universalgenies, welche es vermögen, in ihren grossartigen Werken neue Welten zu erschaffen. Im 19. Jh. tauchen Bilder des genialen aber tragisch verkannten Künstlers auf, wie Van Gogh.

 

Ob Musenkuss oder Genie – all diese Vorstellungen des Künstlertums, insbesondere aber jene, dass der Künstler in völliger Freiheit und Unabhängigkeit, dank seiner Begabung und Genialität seine Entscheidungen fälle, beginnt Tagwerker vehement in Frage zu stellen.

 

Er beschreibt das so: „Ich wurde damals immer skeptischer gegenüber ästhetischen Entscheidungen. Ich beobachtete mich selbst bei der Arbeit und fragte mich bei jeder Linie, was mich dazu bewog, sie genauso zu ziehen, ob es zwingende Gründe dafür gebe.“

Auch die persönliche Handschrift als Psychogramm, – wie er selber wunderbar formuliert – als „Seelenflattern an der Pinselspitze“ erschien ihm suspekt. Dieses Misstrauen führt ihn zu den Zufallssystemen und zum Wunsch, sich als schöpferisches Subjekt möglichst aus dem Schaffensprozess fernzuhalten.

 

Die ersten Arbeiten, die Tagwerker mit Zufallssystemen schafft, sind noch relativ einfach mit Losen und Würfeln entstanden. Eine Anweisung kann z.B. so lauten:

 

Tausend Felder, die in einer Rasterstruktur von 50 auf 20 Einheiten organisiert werden, sind mit den Zahlen 0 bis 999 bezeichnet. Aus einem Vorrat von 1’000 zugeordneten Zetteln werden einzelne Nummern gezogen, […] Je zwei gezogene Nummern bestimmen Ausgangs- und Endpunkt einer Linie. In einer darunterliegenden Struktur ist das Feld der jeweils gezogenen Zahl zusätzlich durch zwei Linien überkreuzt, deren Farbe – Rot, Gelb, Blau – durch Zufall – den Würfel – bestimmt wird. (Konstellation 2, 1977, Kunstmuseum St.Gallen, Bleistift, weisse Kreide, Farbstift, Stempel auf Papier über Hartfaserplatte, 52 x 40,5 cm, Katalog 1987, S. 9)

 

In ähnlicher Weise schafft Tagwerker mehrere Serien mit wechselnden Rahmenbedingungen und Malmaterialien, wie Graphit, Kreide, dünnflüssiger Ölfarbe, welche eine sinnliche Ebene entstehen lassen, ohne dass im engeren Sinne eine Handschrift des Künstlers sichtbar würde.

 

Dass Künstler den Zufall als gestalterisches Mittel einsetzen, geht nunmehr etwa 100 Jahre zurück. Einer der ersten, der ihn explizit hinzuzog ist Hans Arp in seinen Collagen. Der grosse Übervater des Zufalls aber ist John Cage, der in jenen Jahren für Bernard Tagwerker eine grosse Rolle spielt, vor allem dessen Schriften über Musik und Kunst, und den Zufall. Bernard Tagwerker bezeichnet auch das I Ging, das Cage für seine Kompositionen einsetzte, als ältestes binäres System. John Cage unterscheidet zwischen dem „Zufall“ im Sinne von Zufallsoperationen, die sich in einem bestimmten Rahmen abspielen, und der Unbestimmbarkeit, dem Unvorhersehbaren. Beide Wirkungsweisen spielen in Bernard Tagwerkers Werk eine Rolle, wenn der Ablauf des Werkprozesses dem vorgegebenen System folgt, wenn jedoch zugleich die Malmittel in unvorhersehbarer Weise aufeinander reagieren. Jedes Resultat wird akzeptiert.

 

Nach seiner Rückkehr nach St.Gallen 1985 wendet sich Tagwerker endgültig dem Computer zu und entwickelt – oder besser: manipuliert vorhandene Programme, die fortan als Zufallsgeneratoren wirken und die Bilder gestalten. Wenige Jahre später ist es ein logischer Schritt, auch die Ausführung aus den Händen zu geben, d.h. an eine Maschine, einen Plotter zu delegieren. Bernard Tagwerker ist ein Erfinder, ja ein Tüftler, jemand, der die Hilfsmittel zu manipulieren sucht, sei es auf mechanischer, sei es auf digitaler Ebene, damit die Maschinen seine Ideen vervollständigen und ausführen. Sein Atelier gleicht mehr einem technischen Labor als einem Künstlerstudio. Raumbeherrschend ist der grosse Flachbettplotter, den der Künstler immer wieder für seine Zwecke umbaut. So wurde dieser auch schon zur Fräse und zurzeit macht er Versuche mit Laserstrahlen, um Werke ohne Berührung des Bildträgers zu schaffen.

 

Auch die Idee einer objektiven Kunst findet ihre Wurzeln in den frühen Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts. Sie findet sich bei den Konstruktivisten, im De Stijl oder später bei den Zürcher Konkreten, den Minimal und Konzept Künstlern. Interessant ist, dass manche Bilder von Tagwerker formal durchaus Verwandtschaften mit solchen Kunstrichtungen zeigen.

 

Dass Computerprogramme jedoch auch Unerklärbares erzeugen, zeigt eine Werkgruppe mit je 100’000 Punkten. Obwohl alle Bilder dieselbe Punktzahl enthalten, entstehen unterschiedliche Strukturen.

 

Kaum überraschen dürfte es, dass Tagwerker sich alsbald auch dem 3-D Druck zuwendet. Schon als Mitte der 1980er Jahre die ersten Meldungen über solche Methoden publik werden, beobachtet er intensiv die Entwicklungen und wartet auf den Moment, selber in diese Technik einzusteigen. Dank der Zusammenarbeit mit dem in St.Gallen tätigen Forschungsinstitut IRPD der ETH kann er die ersten dreidimensionalen Objekte herstellen, die er 2009 in Katharinen in St.Gallen zeigt. Es sind mehr oder weniger dicht verschlungene Schlaufengebilde, deren Formen auf Bézier-Kurven beruhen und die im Laser Melting aus Kunststoff hergestellt werden.

 

Wie bei allen seinen Werken überrascht auch in diesen Objekten die ästhetische Wirkung. Sie bestätigt des Künstlers Credo, dass der Zufall genauso „kreativ“ sein kann wie das künstlerische Genie und oft zu überraschenden Ergebnissen kommt. Seine Forschungen halten ständig Schritt mit neuesten Erkenntnissen in Wissenschaft und Technik. So setzt er sich mit neuronalen Netzen, d.h. selbstlernenden Programmen auseinander, die er allerdings so manipuliert, dass sie vergessen statt zu lernen. Damit entstehen freie Zeichen, die erstaunlicherweise an gestische Abstraktionen erinnern, also an besonders subjektiv geprägte Kunstrichtungen.

 

Manchmal allerdings scheiden sich die Geister ob der Schönheit – so erging es dem im Volksmund „St. Leopard“ genannten, zufällig in Gelb und Grau eingefärbten Gebäudekomplex an der St.Leonhardbrücke. Andere Kunst am Bau Projekte erfreuen sich grösserer Begeisterung. Beispielsweise die Gestaltung der von Josef Leo Benz gebauten Primarschule Botsberg in Flawil (1999), deren Fassade mit feinen farbigen Elementen rhythmisiert wird, die aus einer Skala von über 200 Farbnuancen zufällig ausgewählt und zugeordnet wurden. Daraus entwickelten sich Siebdruck-Serien, welche er aus den Farbresten schuf sowie weitere Arbeiten im Botsberg, z.B. in der Turnhalle, wo eine alte Anzeigentafel nun statt Fahrzeiten Farbfelder präsentiert.

 

Nichts dem Zufall überliess er allerdings in seiner Arbeit als Präsident des schweizerischen Künstler- und Architektenverbandes GSMBA von 1996 bis 2007. Er leitete erfolgreich und engagiert die Reformen und überführte den Berufsverband in die heutige, zeitgemässe visarte.

 

2010 erhält Bernard Tagwerker die Einladung, im von Harder & Spreyermann umgebauten Psychiatrischen Zentrum in Herisau ein Kuns-am-Bau-Projekt zu realisieren. Dass dies just DIE Klinik, ja sogar das Gebäude ist, wo einst Robert Walser lebte, inspiriert den Künstler zu einer neuen Werkform. Er überträgt Ausschnitte aus Romanen des Dichters in Strichcodes, die auf täferartig angebrachte Akustik-Holzplatten eingeschnitten sind. Die scheinbare „Unlesbarkeit“ spielt natürlich auch auf die berühmten und lange als unlesbar geltenden Mikrogramme Walsers an.

 

Aus dieser Arbeit mit Texten folgen weitere Umcodierungen, wie sein „kurzer Lebenslauf“ im Binärsystem in der Ausstellung im Architekturforum 2012.

Meinen Überblick über sein Schaffen beschliesse ich mit dem zur selben Zeit im vexer Verlag erschienenen Künstlerbuch „to whom it may concern“. Darin hat Tagwerker Ausschnitte aus zwölf Texten zu Mathematik, Chaostheorie, Physik, z.B. von Heisenberg, in verschiedene Zahlensysteme umrechnen lassen. Der erste Text wurde über alle 199 Seiten gedruckt, der zweite wurde ab Seite 25 in anderer Schrift und Farbe über den ersten gedruckt und so weiter. So, dass die letzten Seiten, die also alle 12 Texte enthalten, sich in ein kaum mehr zu entzifferndes Netzwerk verdichten. Eine Hommage an seine „Helden der Wissenschaft“.

 

Wer neugierig ist und ein zwar nicht neu geschaffenes, aber neu in St.Gallen zu sehendes Werk sehen möchte, kann auf dem Nachhauseweg in der Fachhochschule vorbeischauen. Dort ist seit kurzem im Foyer eine Arbeit aus Glasplatten installiert.

 

In Bernard Tagwerker begegnet uns eine Forschernatur, jemand der sich genauso intensiv mit Wissenschaft und Technik wie mit künstlerischen Fragen beschäftigt. Er nimmt eine singuläre Stellung ein in der Schweizer Kunstlandschaft und beweist, dass trotz seiner Skepsis gegenüber seiner Rolle als Künstler Werke entstehen, die von grosser Vielfalt und sinnlicher Wirkung sind. So kann man ihn vielleicht tatsächlich als Zirkusdirektor des Zufalls – aber auch der Codes und Programme bezeichnen, der zielsicher und schwindelfrei die Gratwanderung zwischen Dressur und Wildheit, zwischen Lenkung und Unbeherrschbarkeit meistert.