St. Gallische Kulturstiftung

2012, Herbst

Alfons Karl Zwicker

  • aus St.Gallen
  • Kulturpreis über Fr. 20000.– für die Region St.Gallen
  • Sparte: Komponist

Urkunde

Alfons Karl Zwicker erhält den Kulturpreis der St.Gallischen Kulturstiftung für sein ausserordentlich reiches und vielfältiges musikalisches Schaffen. Sein Werk umfasst Vokalmusik, in der die menschliche Stimme in all ihrer Ausdruckskraft vom Gesang bis zum Geräusch der Atmung ausgelotet wird, Kompositionen für kleine Ensembles wie für grosse Orchester, wo die Instrumente sich in expressiver Spannung begegnen und eindrückliche Bühnenwerke, welche das menschliche Schicksal in existentieller Not erleben lassen. Die Musik entfaltet sich in seinen Kompositionen in architektonisch anmutenden Klangräumen und malerischen Klangfarben und ist geprägt von feiner Nuancierung und dramatischer Zuspitzung. Mit grosser Intensität nimmt er sich der Stoffe an, die er in der Dichtung ebenso findet wie in der bildenden Kunst. Das Hineingeworfensein in historische wie psychische Extremsituationen, Leben und Tod, das Verhältnis von Opfer und Täter sind Themen, denen Alfons Karl Zwicker mit der emotionalen wie szenischen Assoziationskraft seiner Musik in berührender und ergreifender Weise Ausdruck verleiht.

Im Jahr 1965 nimmt ein Vater in einem spontanen Einfall und gegen die Bedenken der Mutter, den 13-jährigen Sohn mit in eine Aufführung der Oper Andrea Chénier von Umberto Giordano im Stadttheater St.Gallen. Dieser Theaterbesuch sollte das Leben des Jungen von Grund auf erschüttern und verändern. Der Junge war Alfons Karl Zwicker. Er sei nach diesem ersten Besuch noch mehrmals, zum Teil mit Hilfe von Notlügen, in die Aufführung gegangen, erzählt Zwicker und man spürt, wie frisch seine Erinnerungen an dieses Schlüsselerlebnis bis heute geblieben sind. In diesem Opernbesuch wurzelt der spätere Lebenstraum, eines Tages selbst eine Oper zu schreiben. In einem Alter, als seine Kameraden wohl eher Rolling Stones, Bob Dylan oder The Doors hörten, sass Zwicker jeden Sonntagabend vor dem Radio und nahm die von DRS 2 ausgestrahlten Gesamtaufnahmen von Opern auf Tonband auf. So beschaffte er sich über die Jahre eine stattliche Sammlung von ca. 120 Opern von Monteverdi bis zu Uraufführungen zeitgenössischer Werke.

 

Laudatio, von Corinne Schatz, Stiftungsrätin

Zunächst fand Zwicker jedoch in der Malerei einen Weg, sich selbst, seine Gedanken und Gefühle auszudrücken. Allmählich jedoch wuchs ihn ihm die Einsicht, dass Musik sein ureigenes Medium ist und der Wunsch erwachte, Musiker zu werden und führte ihn nach Gesangsstunden schliesslich zum Klavier und glücklicherweise zu Boleslaw Zasckowski. In ihm fand Zwicker einen Klavierlehrer, der ihn und seinen Lebenstraum ernst nahm und ihn mit anspruchsvollen Aufgaben herausforderte und intensiv förderte. Zwicker war zu dieser Zeit schon 18 Jahre alt und hatte noch keinerlei instrumentale Vorbildung. Täglich drei Stunden übte der junge Mann, im Glauben, alles Versäumte nachholen zu müssen. Und er schaffte es. Mit Unterstützung des Lehrers willigte der Vater ein, ihn ans Konservatorium in Winterthur zu schicken, wo er 1976-81 bei Hadassa Schwimmer Klavier studierte. Danach setzte er für 4 Jahre seine pianistischen Studien bei Werner Bärtschi fort. Gleichzeitig absolvierte er ein Kompositionsstudium bei Prof. Rudolf Kelterborn an der Musikakademie in Basel und bei Edison Denissow in Luzern.

Nach pianistischer Tätigkeit konzentriert sich Alfons Karl Zwicker seit 1987 aufs Komponieren. Gleichzeitig gründete er in St. Gallen das Musikpodium Contrapunkt, dessen künstlerische Leitung er bis 1993 innehielt.  Zahlreiche Auszeichnungen und Werkbeiträge durfte er in den letzten Jahren entgegennehmen, von der Stadt St. Gallen, der Internationalen Bodenseekonferenz, der Pro Helvetia, der Stiftung Pro Arte, der Siemens Kulturstiftung und dem Kanton St. Gallen, um nur einige zu nennen.

 

Das kompositorische Schaffen

Das kompositorische Schaffen setzt mit Kammermusik ein. Zentral ist von Beginn an und bis heute die menschliche Stimme. Es würde den Rahmen dieser Ansprache sprengen, das ganze musikalische Schaffen unseres Preisträgers darstellen zu wollen. Ich konzentriere mich auf die grossen kompositorischen Zyklen und insbesondere auf das Musiktheater. Seit Mitte der 90er Jahre entstehen Kompositionen nach den Worten Zwickers teilweise auch als Vorbereitung oder Ablösungsprozess von den grossen Opernpartituren.

 

Vom Klang der Bilder 1987-1996

Als erste gross angelegte Komposition entstand ab 1987 der fünfteilige Zyklus „Vom Klang der Bilder“ für Orchester und Soloklavier. Anders als z.B. bei Mussorgsky in seinen „Bildern einer Ausstellung“ sind es hier nicht erzählend gegenständliche, sondern abstrakte oder gegenstandslose Gemälde. Zwicker wählte fünf Bilder aus, in denen die Musik in ihren Titeln als Thema bereits enthalten ist: Blutgesang von Erich Buchholz, Choral und Landschaft von Paul Klee, Gegenklänge von Wassily Kandinsky, Monochromes Blau von Yves Klein und Orgelpunkt von Günter Frühtrunk. Gerade Kandinsky, Wegbereiter der gegenstandslosen Malerei war mit seinem synästhetischen Ansatz für die Verbindung von Malerei und Musik zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine zentrale Figur. Davon zeugen nicht nur seine Aussagen, dass Farbe, Form und Linie auch losgelöst von beschreibenden, abbildenden Aufgaben wie die Musik Stimmungen ausdrücken und die Seele berühren können. Er hat auch selbst eine Bühnenkomposition Der Gelbe Klang geschaffen, die 1912 im Almanach „Der Blaue Reiter“ erschien.

 

Zwicker hat in seiner Komposition versucht, die in den Bildern wahrgenommenen musikalischen Inhalte in Musik zurückzuführen, sie zum Klingen zu bringen. Dafür entwickelte er für jedes Bild Assoziationen, die einen inhaltlichen, dramaturgischen Rhythmus kreieren. Von Virtuose Klangwucht, zu Choralhafte Ruhe, Extreme Kontraste, Statische Meditation bis zu Ausklang in der Wiederholung entwickeln sich die fünf Bilder resp. Klangräume. Nach verschiedenen Einzel-Erstaufführungen ab 1988, denen immer wieder Überarbeitungen folgten, erfuhr das Gesamtwerk 1996 seine integrale Uraufführung mit der Bohuslav Martinu Philharmonie Zlin, unter der Leitung von Monika Buckland Hofstetter und mit dem Pianisten Peter Waters und wurde im selben Jahr auch in der Tonhalle St.Gallen aufgeführt.

 

Open Opera – Die Höllenmaschine 1995-98

Der lang gehegte Traum, selbst eine Oper zu schreiben erfüllt sich 1995, als er vom Verein Open Opera zum zehnjährigen Jubiläum 1998 einen Kompositionsauftrag erhält. Als Stoff wählt er Die Höllenmaschine, nach dem gleichnamigen Stück von Jean Cocteau. Die Hauptfigur Oedipus und seinen Schicksalsweg, der Cocteau gemäss mit der brutalen Konsequenz einer Maschine abläuft, charakterisiert Zwicker am Anfang durch eine Fülle musikalischer Zitate, die sich im Laufe der Zeit immer mehr auflösen, je unausweichlicher die Wahrheit von der erfüllten Weissagung wird, der er verzweifelt zu entfliehen suchte. Erst nach der Blendung findet Ödipus seine eigenen Töne, die am Ende in Sprache übergehen. „Für die Wahrheit gibt es keine Musik“, sagte Zwicker damals gegenüber dem St. Galler Tagblatt. (Christine Zimmermann, St. Galler Tagblatt, 19.8.1998, S. 15). Er ordnet verschiedenen Figuren eigene Töne und Instrumente zu, setzt Tonalität ebenso ein wie afrikanische Spieltechniken der Pygmäen, beispielsweise für die Sphinx. Die Uraufführung fand – passend zum Thema – in den Werkhallen der Huber & Suhner AG Winkeln statt.

 

Eine Scheidelinie wird weiter hinausgezogen 2000-2001
nach szenischen Dichtungen von Nelly Sachs, 1. Teil eines Triptychons

Ebenfalls zu einem Jubiläum, nämlich zur 200 Jahrfeier des Theaters St.Gallen erfolgte das nächste Auftragswerk. Alfons Zwicker wählte szenische Texte von Nelly Sachs. Die Dichterin und Nobelpreisträgerin begleitet den Komponisten schon seit vielen Jahren und er hat mehrfach Gedichte und Texte von ihr vertont. Nelly Sachs selbst sagte einmal, dass Musik noch reden könne, wenn die Sprache versagt. „Das Problem der Sprachlosigkeit und der Unmöglichkeit des Zueinanderkommens von Menschen steht bei ihr immer in dem viel grösseren Kontext des Schicksals des jüdischen Volkes“, sagt der Dirigent Peter Gülke. Es ist eine Miniature, ein Stück mit 2 Personen, lapidar Er und Sie genannt, in einem Hotelzimmer. Die Scheidelinie ist jene zwischen den Personen, die nicht zu einander finden, zwischen Leben und Tod, oder vielleicht auch jene zwischen Sprache und Sprachlosigkeit. „Die Scheidelinie wird in der Musik wörtlich genommen; sie ist ein Ton, der unbarmherzig durchklingt. Auch das Tempo wird fast nie durchbrochen. Das sind zwei Zwänge, die ein Reflex auf den Umstand sind, dass das Zueinanderkommen ein Problem ist – was weit hinausgeht über das Problem dieser beiden Menschen, die jeder von uns sein könnte. Zwickers Musik ist keine musikalische Illustration, sondern sie symbolisiert dieses Problem existenziell“, beschreibt der Dirigent die musikalische Umsetzung. (St.Galler Tagblatt, 27.10.2001, S. 23) Das Setzen eines einzelnen, durchgehenden Tones, um den sich die Stimmen bewegen – in diesem Fall das A – ist ein kompositorisches Element, das Zwicker mehrfach eingesetzt hat, z.B. schon im Klang der Bilder zu Yves Kleins Monochromem Blau.

 

Der Tod und das Mädchen 2000-2005, Uraufführung 2010

Vor ca. einem Jahr wurde am Stadttheater St.Gallen die Schweizer Erstaufführung des letzten monumentalen Opernwerkes von Alfons Karl Zwicker inszeniert: Der Tod und das Mädchen, nach dem vor allem durch Roman Polanskis Verfilmung berühmten Stück des Chilenischen Autors Ariel Dorfman. Es war ein langer Weg gewesen von der Entdeckung des Stoffes 2000 bis zur Uraufführung in Dresden/Hellerau 2010 und schliesslich in Zwickers Heimatstadt. Das Libretto schrieb Daniel Fuchs. Es ist die erschütternde Geschichte einer Frau, die Folteropfer der Diktatur geworden war und zwei Jahrzehnte später an der Stimme eines nächtlichen Besuchers ihres Ehemannes ihren Folterknecht und Vergewaltiger von damals wiedererkennt. Es kommt zu einer inquisitorischen Befragung und dramatischen Abrechnung mit dem Täter. Um seine mit Augenbinden geblendeten Opfer „zu beruhigen“ hatte dieser jeweils Schuberts Komposition desselben Titels laufen lassen. Diese Musik durchstreift Alfons Zwickers Partitur. Für die Zerrissenheit, die unbewältigten, nicht zu bewältigenden traumatischen Erinnerungen Paulinas, ihre Verzweiflung, Angst, ohnmächtige Wut und Rachsucht, die jäh an die Oberfläche geschwemmt werden, hat Zwicker eindringliche, ja durchdringende Klänge gefunden. „Endlos über sieben Oktaven, endlose Ausdehnung in den Zustand der Heimatlosigkeit und Verlorenheit, in dem sich der erlittene Schmerz und die Sehnsucht nach Normalität nie verlieren“, lautet eine von Zwickers Arbeits-Notizen zur Figur der Paulina. Die Stimme, die Sprache stocken immer wieder in Atemnot, während das Orchester die Schreie der Gefolterten erahnen lässt.

 

Die Inhalte – das Lebensthema

Das in dieser Oper exemplarisch in Erscheinung tretende Thema Opfer und Täter durchzieht das Schaffen Zwickers seit vielen Jahren; seien es Texte von Dichterinnen und Dichtern, die selbst Opfer von Verfolgung wurden, die tragische Schicksale zu bewältigen und die düsteren Zeitumstände reflektieren wie Nelly Sachs, seien es Stoffe, die das Thema explizit verarbeiten, wie diese Oper oder der Mythos von Ödipus, der zum Täter wird und gerade darin Opfer einer unbarmherzig laufenden Schicksalsmaschinerie wird. Es ist ein Thema, das in erschreckender Konstanz zu allen Zeiten die menschliche Geschichte begleitet und immer wieder zu grausigen Höhepunkten aufsteigt, wie in jüngerer Zeit die Entgleisungen in Abu Ghuraib und Guantánamo, oder derzeit die Ereignisse in Syrien vor Augen führen.

 

Bildende Kunst, vor allem aber Literatur sind immer wieder Quelle auch für kammermusikalische Werke, seien es Gedichte des St.Gallers Joseph Kopf, von Else Lasker-Schüler, Texte von Günter Eich, Samuel Beckett aber auch Jean Baudrillards Schrift über Radikale Architektur inspirierten Zwicker. Ebenso schuf er einen Zyklus zum I Ging (Secretum 2006-07) oder zeichnete in Monogramme (2004-07) für Klavier acht Porträts von ihm nahestehenden Persönlichkeiten.

 

Am 24. November kommt im Dürrenmatt Zentrum in Neuchâtel das Instrumental-Werk Erinnerungen aus dem Ohr zur Uraufführung und wird am 25.11. in der Lokremise St. Gallen gespielt. Es ist für Zwicker der Abschluss der langen Phase um den Tod und das Mädchen und handelt von der Erfahrung nicht zu sehen, sondern nur zu hören, das Thema der Oper auf eine „metaphysische Ebene“ transponiert, wie der Komponist selbst erklärt.

Und die nächste Oper wächst bereits in seinem Kopf, das Libretto nach der Novelle Das Konzert von Hartmut Lange steht – wir sind gespannt.

http://www.ak-zwicker.ch