St. Gallische Kulturstiftung

2016, Frühjahr

Windbläss, Verein Toggenburger Hausorgel

  • aus Nesslau
  • Förderpreis über Fr. 15000.– für die Region Toggenburg
  • Sparte: Musik, Vermittlung, Kulturerhaltung

Urkunde

Windbläss ist ein experimentierfreudiger Verein für Hausorgel-Musik. Er kümmert sich um Pflege und Erweiterung dieser im Toggenburg tief verankerten Kultur, die bis ins 18. Jahrhundert zurück reicht. Die von hiesigen Handwerkern gebauten Orgeln standen in den Firstkammern von Bauernhäusern und waren Ausdruck selbstbewusster religiöser Widerspenstigkeit. Der Verein Windbläss ist Anlaufstelle für Hausorgel-Besitzer und fördert das Wissen um diese Tradition. Vor allem aber organisiert der Verein Konzerte, welche Tradition und Avantgarde aufs Schönste zusammenbringen.

Für die Pflege dieses Kulturguts und für die experimentierfreudige Lebendigkeit erhält der Verein Windbläss einen Förderpreis der St.Gallischen Kulturstiftung.

Laudatio von Hansruedi Kugler, Stiftungsrat

Meine Damen und Herren, liebe Gäste

Kennen Sie Maurizio Kagel ? Auf diese Frage reagieren die meisten mit Achselzucken oder mit grossen, ungläubigen Augen und schauen sicherheitshalber ihre Sitznachbarin an – und wenn diese ebenfalls mit den Achseln zuckt, schaut man gemeinsam erwartungsvoll zurück zum Fragestellenden. Ja, wer ist denn das ? Einige aber kramen in ihrer Erinnerung: War das nicht ein Komponist ? Einer der verrückten musikalischen Avantgardisten des 20. Jahrhunderts ? Ja, schon. Aber mal ehrlich: Wer von Ihnen, liebe Gäste, war schon mal in einem Maurizio Kagel-Konzert? Wer von Ihnen hat schon mal eine Komposition des argentinischen Avantgardisten gehört ? Ich muss Sie leider doppelt enttäuschen: Erstens: Ich habe keine Tonaufnahme mitgenommen. Zweitens, und das ist vielleicht noch gemeiner: Sie hätten halt am Freitag, den 21. November 2014 den Weg ins Toggenburg, nach Nesslau nehmen sollen. Abends in der gemütlichen Webstube Bühl hätten Sie ein wunderbar schräges Gesamtkunstwerk erleben können, das instrumentale Orgeltheater mit dem Titel: „Rrrrrrrrrr“.

Womit ich beim eigentlichen Anlass meiner Rede wäre: Denn Maurizio Kagel ist zwar schon seit acht Jahren tot, aber er lebte dank dem Verein „Windbläss“ für einen Abend weiter – das Weiterleben nämlich hat sich der Verein für die Pflege der Toggenburger Hausorgel sozusagen als Motto gegeben: Mit der Betonung auf Leben. Denn so tief in der Toggenburger Kultur verankert die Hausorgel auch ist, so lebendig, fröhlich und experimentierfreudig belebt der Verein „Windbläss“ dieses Instrument. Nicht nur avantgardistische Komponisten wie Maurizio Kagel, nein, auch Beat-Boxer, Kinderjodelchöre, Schriftsteller wie Peter Weber und musikalische Kabarettisten treten hier auf – meist in geschmeidiger, oft improvisierender Begleitung der erstklassigen Organisten Wolfgang Sieber oder Heidi Bollhalder.

Ja, wer ist nun dieser «Windbläss»?
1. Ein Verein mit Statuten und
2. Ein Haufen spleeniger Freaks

Zum Verein:
In seinen Statuten heisst es im Artikel 1: Name und Sitz: Unter dem Namen „Windbläss – Verein Toggenburger Hausorgel“ besteht ein politisch und konfessionell neutraler Non-Profit-Verein im Sinne von Art.60 ff. ZGB. Der Verein wurde am 28. Februar 2009 in Nesslau (SG) gegründet. Sitz des Vereins ist Nesslau.

In Artikel 2. zu Wesen und Zweck steht: «Windbläss – Verein Toggenburger Hausorgel» hat folgende Zielsetzung: Er setzt sich für die Erhaltung und Belebung der Toggenburger-Hausorgel-Tradition ein und versucht diese im Kontext der kulturellen Aktualität zu verstehen. Mit folgenden Bestrebungen soll dies erreicht werden:
1.   Veranstaltung von Konzerten und Exkursionen mit und zu Toggenburger Hausorgeln.
2.   Der Verein bietet eine wissenschaftliche Plattform für die Katalogisierung und Inventarisierung des wichtigen Kulturguts Toggenburger Hausorgel.
3.   Er engagiert sich im Aufbau von kulturellen Netzwerken in der Region. Nach Möglichkeit werden Synergien (Partnerabkommen) mit andern Kulturanbietern im Tal angestrebt.
4.   Der Verein setzt sich für die Erhaltung, fachgerechte Restaurierung und Pflege, sowie die angemessene Platzierung der Hausorgeln ein.

Das alles tönt nach Vereinsmeierei – und ein solcher kulturgeschichtlicher Verein könnte in der Tat in der Pflege des Althergebrachten erstarren. Von staubbedeckter Erstarrung kann beim Verein „Windbläss“ allerdings keine Rede sein – wer Maurizio Kagel aufführt und die Hausorgel zu Luzerner Beat-Boxern improvisieren lässt, ist quicklebendig. Vier bis fünf Veranstaltungen sind es jährlich, die der Verein organisiert: Dazu gehören ein traditionelles Konzert, ein Freak-Konzert, eine Exkursion, natürlich die Jahresversammlung und gemeinsame Projekte mit anderen Kultur-Täter im Toggenburg.

Nun fragen Sie sich vielleicht: Wie kam eigentlich diese Hausorgel ins bäuerliche Toggenburg des 18. Jahrhunderts ? Darauf gibt es mindestens zwei Antworten. Die erste: Die Toggenburger bauten sie gleich selbst und die zweite: die Käufer pflegten mit diesen in privaten Räumen in Gruppen bis zu zwanzig Leuten einen Pietismus, der über die nüchternen Wortgottesdienste hinaus Musik und Gesang, also das Herz bewegen sollte. Stellen Sie sich eine heutige Bibelgruppe mit Gitarrenmusik vor und versetzen Sie diese Szene 250 Jahre in die Vergangenheit. Dann können Sie sich vielleicht vorstellen, wie es in den Firstkammern der Toggenburger Bauernhäuser zu und her ging – bibeltreu, familiär und Psalmen singend. Übrigens, dass keine Missverständnisse auftauchen: Windbläss ist ja nicht nur politisch, sondern auch konfessionell neutral. Und an jenen Veranstaltungen, die ich selbst besucht habe, wurde noch nie gebetet.

Woher hatten die Toggenburger Hausorgelbauer aber das Know how, die Orgeln selbst zu bauen ? Darüber spekulieren selbst Fachleute. Am besten fragen Sie nachher beim Apéro den Kulturhistoriker Jost Kirchgraber, der im Vorstand von „Windbläss“ mittut. Ein paar Hinweise seien hier schon gegeben: Die Windblässler vermuten aufgrund ihrer detektivischen Spurensuche und in einer Art Indizienverdichtung etwa folgendes: Es gab ein paar begabte und musikliebende Schreiner, die den Orgelbauern über die Schultern schauten, welche im Toggenburg Kirchenorgeln restaurierten und gingen wohl in der weiteren Umgebung bei Orgelbauern in die Lehre. Berühmte Innerschweizer Orgelbauer wie Bosshard seien bis in die Region See Gaster gekommen, um hier Orgeln einzubauen. Eine schöne Verbindung zwischen dem Toggenburg und der Linthregion. Merken Sie den aktuellen politischen Unterton ? Na ja, da die Toggenburger Hausorgelbauer allesamt reformiert waren, hatten sie keine Chance, bei katholischen Kirchen einen Auftrag für eine Orgel zu bekommen. Mit dem Hausorgelbau eroberten sie sich eine wirtschaftlich erfolgreiche Nische. Der relativ gut dokumentierte Hausorgelbauer Looser war der erste, der Hausorgeln in Serie produzierte – und damit reich wurde. Leisten konnten sich diese Instrumente nur wohlhabende Toggenburger. Bedenkt man, dass heute eine Restauration schnell mal 50000 Franken kostet, also so teuer wie ein gutes Mittelklassauto, kann man sich in etwa vorstellen, was die 130 bis 200 Gulden bedeuteten, die im 18. Jahrhundert eine Hausorgel kostete. Etwa 250 Stück wurden im Toggenburg gebaut. Und der Verein ist dabei, ein Inventar dieser Orgeln zu erstellen. Dank dem Förderpreis der St.Gallischen Kulturstiftung könne diese Forschung vorangetrieben werden und könnte eine attraktive Publikation ermöglichen, sagte mir Vereinspräsident Markus Meier.
Diese beiden Antworten ergeben zusammen allerdings nur einen recht nüchternen Eindruck dieses Kulturguts. Für einen wesentlich lebendigeren, sinnlicheren Eindruck zitiere ich im Folgenden Markus Meier selbst.

„100 Sekunden Orgelwissen zum Wind“:
Wer ist Windbläss? Ein Bläss der Wind macht, oder ein Ort, wo der Wind bläst? Zunächst ist es der Name einer Alp im Speergebiet. Und jetzt auch ein Verein. Wie der Wind bläst. So weit so gut und auch nichts Neues: Es ist der Wortlaut, wie er in unserem Informationsprospekt zu finden ist und zur Mitgliedschaft bei Windbläss einlädt.
Wie bläst nun aber der Wind genau? Nicht jener, der mit entfesselter Brachialgewalt in den Baumwipfeln am Windbläss tobt, sondern der wohldosierte, der in regelmässigen Schüben vom blässenden Keilbalg im Orgelfuss in die obere Magazinbalgkammer pulsiert und dort in Erwartung seiner weitern Bestimmung zur vorübergehenden Ruhe findet. Ein Wind, wohlgeformt und kontrolliert durch des Spielers Fuss mit ächzendem Widerstand in die Orgellunge getreten, neugierig durch einen kurzen Kanal nach oben drängend, im Windkasten sich sammelnd, bereit, bei sich bietenden Gelegenheiten blitzschnell an offenen Tonventilen (gedrückte Tasten) vorbei in die so genannte Kanzelle zu zischeln, um letztlich bei gnädig gestimmter Registerschleife (Register gezogen, bzw. eingeschaltet) das Ziel eines jeden Orgelwindchens Traum zu erreichen: der, fast möchte ich sagen, Altar, an dem der Wind zum Klang wird, er in magischer Metamorphose durch die Kernspalte am Labium vorbei zieht und in wohlig geniessender Erhabenheit dem Licht (Ende der Pfeife) entgegenstrebt, akkordisch vereint mit einer ganzen Familie weiterer Windchen unterschiedlichster Farbe und Tonhöhe, ein Freudenfest von zu Klang gewordener Turbulenz – gebündelt, getrennt und schliesslich wieder in Musik zusammen geführt. Meine lieben hausorgelvernarrten Zuhörerinnen und Zuhörer, ich werde es Ihnen nicht verübeln, wenn Ihnen, – und ich bürge für orgelbauerische Korrektheit – bei Aufbietung des gesamten rhetorischen Geschickes, meine Ausführungen schleierwindig vorkommen sollten.
Nehmen sie also die Kurzzusammenfassung mit nach Hause: Der Wind ist die Seele der Orgel, er haucht dem Instrument Leben ein, bringt es zum Schwingen und Klingen. Windbläss ist die neue Seele der Toggenburger Hausorgelkultur und will das weitere Schwingen und Klingen in die Zukunft tragen! (Winterthur, 12. Aug. 2010, Markus Meier)

Meine Damen und Herren, das ist nur ein Beispiel der hochpräzisen, sprachverliebten, lust- und humorvollen Art, wie „Windbläss“ bei jeder Veranstaltung ein Stück Orgelwissen zum besten gibt: Genau 100 Sekunden Orgelwissen. Somit wird allmählich auch klar, warum wir heute einen Verein namens Windbläss und nicht den Verein mit Namen Toggenburger Hausorgelverein feiern: Windbläss bringe das spleenige und freakige des Vereins viel besser zum Ausdruck, sagt Markus Meier. An dieser Verbindung von Tradition und lustvoller Belebung hat die St. Gallische Kulturstiftung grosse Freude und hofft, der Verein „Windbläss“ setze sich mit diesem Förderpreis nicht auf ein gemütliches Ruhepolster, sondern fühle sich zusätzlich angespornt, uns allen in Zukunft weitere Überraschungen und Querschlägereien zu präsentieren. In diesem Sinne darf ich den Vorstand des Vereins „Windbläss“ zu mir bitten, um die Urkunde zu überreichen.

http://www.windblaess.org