St. Gallische Kulturstiftung

2000, Herbst

Walter Burger

  • aus Berg
  • Kulturpreis über Fr. 20000.– für die Region Rorschach
  • Sparte: bildender Künstler

Urkunde

Walter Burger erhält den Jahrespreis 2000 für bildende Kunst für sein gesamtes künstlerisches Schaffen, das, vor allem auf dem Gebiet der Kunst-am-Bau weit über die Ostschweiz hinaus strahlt. Sein kontinuierlich gewachsenes Werk umfasst angewandte Kunst, Graphik, Malerei, Skulptur und, verschiedene Gattungen zusammenführend, innenarchitektonische Gesamtgestaltung.

Die informellen Ansätze seiner Malerei entwickelte er in den 50er-Jahren weiter und setzte sie parallel dazu zu raumgreifenden Arbeiten um, die auch in vollplastische Arbeiten mündeten. Die Materialbilder, eine Kombination von vorgefundenen Materialien wie Eisen- und Holzteile und Malerei, führten zu den für ihn typischen Reliefs oder Montagen.

Mit seinem Werk hat er die Ostschweizer Kunstszene wesentlich mitgeprägt; er hat sie als Mitglied des Zentralvorstandes der GSMBA und der eidgenössischen Kunstkommission aber auch wesentlich gefördert. Er war und ist so künstlerisches Vorbild und gesuchter Ratgeber zugleich und darf zu Recht als DOYEN der Ostschweizer Kunst gelten.

Laudatio

Sehr geehrte Frau Regierungsrat Kathrin Hilber, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen des Stiftungsrates, verehrter Walter Burger!

Ich begrüsse Sie im Namen der St.Gallischen Kulturstiftung herzlich zur Verleihung des Jahrespreises 2000 an Walter Burger. Diesen Preis vergibt die SG Kulturstiftung heute zum zweiten Mal. Sie hat ihn letztes Jahr ins Leben gerufen. Er wird – wie der Name sagt – jedes Jahr im Herbst vergeben, nur im Jahr des Kulturpreises, also alle drei bis vier Jahre fällt er zugunsten des Kulturpreises aus.

Die Idee, die hinter diesem Jahrespreis steht, ist in erster Linie die Würdigung eines ausserordentlichen Werkes und der Personen, die hinter diesem stehen. Ausserdem soll die geehrte Person der Öffentlichkeit in geeigneter Form mit ihrem Werk zusammen präsentiert werden. Wir erhoffen uns damit eine grössere Resonanz für den oder die Preisträgerin und für das anwesende Publikum einen interessanten Einblick in deren Werk.

Heute dürfen wir Walter Burger inmitten seiner Werke ehren. Ich freue mich ausserordentlich über die gelungene Zusammenarbeit mit dem Amt für Kultur und möchte im Namen der St.Gallischen Kulturstiftung herzlich danken: Allen voran Frau Regierungsrat Kathrin Hilber, als Schirmherrin, Dr. Walter Lendi als Leiter des Amtes für Kultur und Herrn Dieter Meile als Ausstellungsleiter und Organisator dieser Feier. Wir haben das Glück, dass sich alle drei auch in der St.Gallischen Kulturstiftung engagieren.

Walter Burger, den diesjährigen Preisträger muss ich ihnen nicht näher vorstellen. Der grosse Publikumsaufmarsch zeigt seine Bekanntheit eindrücklich. Ich freue mich sehr darüber und danke ihnen für ihr Erscheinen und das Interesse, das sie dem Werk und seiner Person damit entgegenbringen.

Ein halbes Jahrhundert künstlerisches Schaffen, damit könnten wir die Tätigkeit Walter Burgers auf den einfachsten Nenner bringen. Es gilt hier, nur einige wenige Schlaglichter auf sein Werk richten, einige wichtige Stationen innerhalb seines künstlerischen Werdegangs besonders hervorheben. Vieles muss unerwähnt bleiben, wollen wir uns doch nicht verlieren in der ausserordentlichen Fülle und Vielfalt seines Werks. Und Sie, liebe Anwesende nicht über Gebühr lange stehen fassen. Ausserdem hat Walter Burger – in seiner Bescheidenheit – gebeten, nicht zu lang und zu feierlich zu werden.

Ich werde mein Möglichstes tun. Allein über hundert Werke hat er bis heute als Kunst-am-Bau Projekte in öffentlichen und privaten Bauten, in Kirchen und auf Plätzen geschaffen. Damit haben wir einen wichtigen Bereich seiner Tätigkeit bereits abgesteckt. Diese Werke befinden sich in der Stadt und im Kanton St.Gallen, in der Ostschweiz und in der übrigen Schweiz. Eines haben Sie gestreift oder gesehen, als Sie diesen Saal betreten haben. Angefangen hat es bereits 1949 mit der Ausmalung der Dreifaltigkeitskirche in St.Gallen-Heiligkreuz, auf die ich noch zurückkomme. 1992 hat er vielleicht sein letztes Gross-Projekt auf der Luziensteig realisiert. Diese 4 und 9 Meter hohe und lange Eisenplastik ist in der Ausstellung mit fünf Modellvarianten und einem Film über die Entstehung und Aufstellung vertreten. Dieser hat sein Sohn, Urs Burger, der ihm bei der Fertigung und Aufstellung des Werkes geholfen hat, gedreht und bearbeitet. Ich danke Urs Burger an dieser Stelle übrigens herzlich für die wertvolle Mitarbeit an der Realisierung dieser Ausstellung.

Diese Arbeit – um nochmals auf sie zurückzukommen – die in der Nähe der Schiessanlage Luziensteig im Auftrag des Bundes entstanden ist, soll in dieser Ausstellung als einzige die Vielzahl von Werken im öffentlichen Raum vertreten. Nicht nur, weil sie als eine der letzten entstanden ist, sondern weil sie auch einen schönen Bezug zum Vater von Walter Burger aufweist, der als geometrischer Vermesser auf der Luziensteig tätig war und den kleinen Walter damals erstmals dorthin mitnahm. Daran erinnert sich Walter Burger in dieser Arbeit, baute sie auf dem Prinzip des Dreiecks auf – der Grundform der kartographischen Vermessung – und gab ihr den Namen Triangulationspunkt, wohl als Hommage an seinen Vater, der 1932 mit seiner Familie von Emmenbrücke nach St.Gallen zog.

Damit haben wir den biografischen Anknüpfungspunkt gefunden. Aber auch in der Biografie Walter Burgers möchte ich mich nicht länger aufhalten. Andere haben das vor mit getan. Zum Beispiel Hermann Bauer, der verstorbene Chefredaktor der Ostschweiz, in seinem einfühlsamen Beitrag über seinen Mitbewohner im St.Gallischen Berg, erschienen 1976 im Rorschacher Neujahrsblatt oder Peter E. Schaufelberger in seinem Beitrag im Bodensee Heft 11/1993, in dem er den Bezug Walter Burgers zum Handwerk in den Vordergrund stellt und auch auf die Arbeit in Luziensteig und auf die Ausstellung in St.Katharinen eingeht, welche die GSMBA und der Kunstverein 1993 zusammen veranstaltet haben.

Von den vielen Ausstellungen, an denen Walter Burger massgeblich beteiligt war, möchte ich hier nur noch eine einzige erwähnen: Sie fand 1 993 im Kunstmuseum St.Gallen statt, mit dem Titel AUFBRUCH – Malerei in der Ostschweiz von 1950 bis 1965. Zu dieser wichtigen Ausstellung, die 10 Exponenten der Ostschweizer Kunst sorgfältig zur Darstellung brachte, hat der Kunstverein St.Gallen ein Buch herausgebracht, das wichtige Künstlerinnen und Künstler dieser Zeit umfangreich würdigt. Den entsprechenden Beitrag über Walter Burger schrieb der Konservator, Roland Wäspe, persönlich; er hebt in diesem Beitrag WaIter Burgers hervorragende Leistungen als Maler besonders hervor. Die Leistungen Walter Burgers als Grafiker, als Maler, als Bildhauer, als Farb-, MöbeI-, und Raumgestalter, als Kunst-am-Bau Spezialist – alles Facetten seines künstlerischen Tuns – können hier nur erwähnt, nicht einmal gestreift werden.

Lassen Sie mich nochmals zurückgehen zu den Anfängen. Der junge Graphiker, der an der kunstgewerblichen Abteilung in St.Mangen bei Fritz Gilsi, Alfred Stärke und Jukert Neuf gelernt hatte und nachher fünf Jahre im Atelier von Werner Weiskönig gearbeitet hat, konnte 1948 das OIma-Plakat gestalten. In dieser Zeit machte er leidenschaftlich Musik und spielte als Tenorsaxophonist in einer Band. Es war damals keineswegs klar, in welche Richtung er sich künftig entwickeln würde, mehr Richtung Musik oder bildende Kunst. Den Ausschlag zugunsten der Malerei gab der Wettbewerb für die Ausmalung der erwähnten Dreifaltigkeitskirche, den der 26-Jährige 1949 gewonnen hatte. Diese Arbeit nahm Walter Burger bis 1953 voll in Anspruch und verunmöglichte daneben ein professionelles Musizieren. So sind diese Wandbilder nicht nur sein erster grosser Auftrag, sondern stellen auch einen Markstein dar auf dem Weg zum bildenden Künstler.

In der Zwischenzeit sind viele kirchliche und profane, öffentliche und private Werke entstanden. Diese Ausstellung verzichtet bewusst auf einen Überblick über das bisherige Gesamtwerk, sondern gibt Einblick ins aktuelle Schaffen der letzten acht bis zehn Jahre.

Mit der Grossplastik von 1992 für die Luziensteig, die in einer angemieteten Werkhalle der Firma Saurer in Arbon gefertigt werden musste, hat sich Walter Burger von der Schwerarbeit abgemeldet und sich erleichtert Dingen zugewendet.

Auf dem langen Tisch liegt eine Auswahl der noch viel grösseren Zahl von Couvertzeichnungen, die in den letzten Jahren entstanden sind, meistens abends, bei Musik im Wohnzimmer. Es sind kleine, Bleistift und Farbstiftzeichnungen, meist im Format A5 auf gebrauchte Couverts gemalt – Recycling-Kunst im besten Sinne des Wortes.

Die grossformatigen BILDER an den umlaufenden Wänden sind aus dem Fundus der Couvertzeichnungen entwickelt worden. Walter Burger hat dafür alte Leinwände verwendet, die er gekauft und infolge anderweitiger Aufträge dann nicht alle verwendet hat. Sie sehen- und WB hat mir selbst das Stichwort dafür geliefert: eine Art Aufräumkunst.

Das Thema der Zeichnungen und Bilder ist allerdings ein altes und sehr zentrales in Burgers Werk: dasjenige der Türe. Türen begegnen uns bei ihm oft, in verschiedenster Form, in den frühen Tafelbildern spielen sie schon eine wichtige Rolle, kommen in Abwandlungen in seinen Materialbildern vor, die oft Türelemente enthalten. Türen hat er zahlreiche an Bauten realisiert: die erste 1969 gleich nebenan als Eingang zum Restaurant Schlössli, 1978 dann die bereits erwähnte zu diesem Saal – beim Hinausgehen bitte beachten – und als besonders grosses und eindrückliches Beispiel, 1984 die riesige Falttür oder Faltwand in der Aula der Kaufmännischen Berufsschule in der Kreuzbleiche, die ich als ein besonders gelungenes Werk anschaue – in der Kombination von Zweck und Schmuck.

Das Motiv der Türe bei Walter Burger ist ein spannendes Thema, für diese Ausstellung hat es den Aufhänger geliefert. Aber Türen spielen auch im Leben von Walter Burger und seiner Familie eine wichtige Rolle. Als er 1960 von St.Gallen in das 400-jährige Haus Rappenstein in Berg umzog, beeindruckten ihn die alten Türen mit ihren eisernen Beschlägen und Schlössern unter anderem derart, dass er diese nicht nur als gestalterisches Motiv bis ins letzte studierte, sondern auch Teile davon eins zu eins in seine Materialbilder übernahm, desgleichen altes Holz und andere Fundstücke, die er im Haus fand. Lebenswelt und Kunstwelt begannen sich immer mehr gegenseitig zu durchdringen. Dieser symbiotische Prozess, der Walter Burger von den gemalten Bildern zu den Materialbildern, zu den Reliefs oder Montagen und zuletzt zu den freien Plastiken führte, hat mit seinem Haus in Berg eine enge Bewandtnis. Wer das Vergnügen hatte, einmal Gast in seinem Haus gewesen zu sein, spürt diese Beziehungen intensiv, dem gehen buchstäblich die Augen auf, so ist es zumindest mir ergangen. Allein für die Erhaltung und sorgfältige Restaurierung dieses Hauses hatte Walter Burger einen Preis verdient, abgesehen von der Kunst, die darin entstanden ist in den letzten 40 Jahren.

Ich möchte zum Schluss und bevor ich Walter Burger zur Übergabe des Preises nach vorne bitte, auf etwas Letztes zu sprechen kommen: auf seinen uneigennützigen Einsatz für andere, für Künstlerkolleginnen und Kollegen. Er war jahrelang in der GSMBA tätig, in der Ostschweizer und im Zentralvorstand der Schweizerischen Gesellschaft der Maler, Bildhauer und Architekten, zudem von 1976 bis 1980 in der Eidgenössischen Kunstkommission und viele Male in Jurys für Kunst-am-Bau Projekte. In diesen Funktionen hat er Unschätzbares für die Ostschweizer Kunst und Künstler geleistet. Er ist für viele zum Vorbild, gesuchten Ratgeber und Freund geworden. Auch dafür gebührt ihm grossen Dank.