St. Gallische Kulturstiftung

2014, Frühjahr

Ruedi Roth

  • aus Hemberg-Bächli
  • Förderpreis über Fr. 10000.– für die Region Toggenburg
  • Sparte: Komponist und Dirigent volkstümlicher Musik

Urkunde

Der 50-jährige Hemberger Dirigent des Jodlerklubs Wattwil steht fest verankert im Volkstümlichen und sorgt seit Jahren mit seinen Kompositionen konsequent und originell für eine sanfte Erneuerung der Jodelkultur. Seine Musik ist emotional vielschichtig, seine Jodellieder berichten von Freundschaft, Trauer, Schwermut, Euphorie – fern von Klischees und Ideologien. Stellvertretend steht sein bisher grösstes Werk «Seeleklang». In dieser Jodlermesse, welche Ruedi Roth für das Nordostschweizerische Jodlerfest 2013 in Wattwil geschrieben und komponiert hat, wiederholt er nicht das sonst übliche Hohelied auf den Herrgott oder auf die frische Alpbutter, sondern spürt die Essenz der Musik in dessen seelischem Ereignis auf. Für die Pflege einer exzellenten Gesangskultur und den frischen kompositorischen Wind zeichnet ihn die St.Gallische Kulturstiftung aus.

Laudatio Hansruedi Kugler, Stiftungsrat

Als Nichtjodler eine Laudatio über einen Jodelliedkomponisten zu halten, ist eine besondere Herausforderung. Erwarten Sie also kein Fachreferat. Nichtjodler haben da nämlich ein paar Vorurteile.

Vorurteil 1: Die Performance von Jodelchören ist ziemlich statisch: Da stehen ein Dutzend Männer in der Sennentracht im Halbkreis, pressen ihre Fäuste in die Hosentaschen und johlen vor sich hin. Eine Kunstform, die praktisch ohne Show auskommt. Das ist in unserer exhibitionistischen Zeit, in der Sänger an Talentwettbewerb nicht nur singen, sondern auch tanzen müssen und ständig mit den Fingern ins Publikum zeigen, schon sehr bemerkenswert.

 

Vorurteil 2:  Da singen stämmige Mannsbilder in tiefen Tönen ein „Gradhäbe“ und plötzlich wechseln sie in eine hohe Kopfstimme, was dann so feminin tönt, dass man zarte Engel vor sich sieht – phänomenal.

 

Vorurteil 3:  Nichtjodler stellen sich Texte von Jodelliedern so vor: Da steht ein Senn auf seiner eigenen Alp, schaut in den Sonnenuntergang, ist mächtig stolz auf seinen Fleiss und dankt dem lieben Herrgott für die frische Luft und die gesunde Alpbutter, die er hier oben geniessen darf. Er weiss, er ist ein vom Schicksal Auserwählter. Dann senkt der Senn seinen Blick, schaut mitleidig ins Tal, schüttelt den Kopf und der Jodelchor singt: Wie freudlos ist doch das Leben im Tal, wie traurig sind doch die Städter im Nebel und in den dunklen Fabriken.

 

Das tönt ziemlich ideologisch und ist natürlich purer Heidi-Kitsch. Man muss leider eingestehen, dass solche Lieder auch an Unterhaltungsabenden gesungen werden. Das darf man selbstverständlich. Und man darf auch solche Lieder komponieren. Schliesslich ist in der Schweiz die Freiheit der Kunst weitgehend garantiert. Nur: Dass ein Komponist eines solchen Jodlerlieds einen Förderpreis der St.Gallischen Kulturstiftung bekäme, das ist doch ziemlich unwahrscheinlich.

Der Jodelliedkomponist Ruedi Roth bekommt nun aber genauso einen Förderpreis. Warum ? Eines vorweg: Es ist nicht die Belohnung für die Filmmusik zum Hollywood-Film „Grand Budapest Hotel“. Der Entscheid der Kulturstiftung ist nämlich schon im Februar gefallen, ein Monat, bevor wir erfahren haben, dass Wes Anderson das „Rothe-Zäuerli“ von Ruedi und Werner Roth in seinem übrigens sehr sehenswerten Spielfilm verwendet hat.

Nein: Der Grund ist ein anderer und diesen Grund gibt es auch schon länger. Spätestens aber seit dem Nordostschweizerischen Jodlerfest in Wattwil 2013 ist klar: Ruedi Roth leistet Herausragendes. Für das riesige Fest hat er die Jodlermesse mit dem Titel „Seeleklang“ geschrieben und komponiert. In diesem halbstündigen Werk singt er nicht das Hohelied auf den Herrgott, sondern berichtet eindringlich von der seelischen Kraft der Musik. Unter anderem bringt er auf charmante, unaufdringliche Art unsere Vorurteile ins Wanken – was ein sehr nobler Nebeneffekt von Kunst ist.

 

Das Wichtigste an der Kunst ist aber ihre Wahrhaftigkeit. Dies ist ein weiterer Grund, warum Ruedi Roth den Preis verdient. Wer beim Eingangslied „Tränezyte“ des Jodlerklub Wattwil genau zugehört hat, der hat es gemerkt: Erstens wird hier exzellent gejodelt und zweitens singen die Jodler ein Lied, das für die Jodlerszene neue Themen aufgreift. Ruedi Roth sagt denn auch klar: Dass Tränen auch für Männer zum Leben gehören, das singen denn etwa gar nicht alle Jodler gerne. Das Lied kratzt am Selbstverständnis von stämmigen Mannsbildern. Der Jodlerklub Wattwil und mit ihm eine ganze Reihe von Jodelchören in der ganzen Schweiz aber schätzt das sehr.

Das ist nur ein Beispiel: Wenn man Ruedi Roths Jodellied-Titel anschaut, so liest man da: Tränezyte, Stilli Zärtlichkeite, Chrank sy, Niid – er ist offenbar ein erstaunlich emotionaler Mann. Einer mit einem unverkrampften Verhältnis zu den eigenen Gefühlen. Das hat wahrscheinlich – wie in solchen Dingen meistens – mit der Kindheit zu tun. Seine Kindheit sei sehr frei und glücklich gewesen, erzählt er. Eine Ohrfeige habe er nie bekommen. Wer weiss, vielleicht ist er darum eine solche Frohnatur und ein solcher Freigeist! Er sei aber auch ein richtiges „Mami-Büebli“ gewesen, sagt er: Schüchtern und ein Stubehöckler, einer, der in der Schule am liebsten Aufsätze geschrieben habe und Gedichte für Geburtstagsfeiern verfasst hat.

Wie die meisten Toggenburger Jodler hat Ruedi Roth das Jodeln zu Hause gelernt. Seine Mutter war eine bekannte Appenzeller Jodlerin und auf dem Weg zur Viehschau ist ihm das Zäuerle sozusagen ins Blut übergegangen. Für die Klavierstunde sei er als Knabe aber zu schüchtern gewesen. Das Handorgelspielen habe er sich mit 15 Jahren selbst beigebracht. Darum habe er vieles falsch in die Hand genommen, bedauert er heute.

 

Ruedi Roth ist aber nicht nur mit Jodelmusik gross geworden, sondern ist wie viele von uns auch mit Status Quo und Uriah Heep aufgewachsen. Er hört auch heute noch gerne Rockmusik. Einen, den er als Komponist sehr bewundert, ist zum Beispiel Büne Huber von Patent Ochsner. Ruedi Roth hat alle seine Kinder in die Musikschule geschickt. Sie sind gute Musiker geworden. Nicht alle im Volkstümlichen. Sein Sohn spielt Schlagzeug – was für eine Musikrichtung ? Punkrock.

Nach ein paar Jahren mit einem Ländlertrio hat Ruedi Roth 1999 den Weg zum Jodlerklub Wattwil gefunden. Der damalige Dirigent Willi Valotti hat ihn in den Klub geholt. Erst damals hat Ruedi Roth das Notenlesen gelernt und seit 2001 ist er Dirigent des Jodlerklubs Wattwil.

Ruedi Roth ist aber neben der Musik auch sonst im Volkstümlichen verankert: So hat er einige Mal Theaterregie geführt. Mit der Trachtengruppe Bächli hat er unter anderem „Dällebach Kari“ oder Gotthelfs „Geld und Geist“ aufgeführt – alles ernste Stücke. Zusammen mit Simon Lüthi und Frowin Neff organisiert er seit Jahren auch das „Toggenburger Priisbödele“, sozusagen den Toggenburger Flamenco, so ziemlich das Gegenteil einer statischen Performance. „Da lässt man den Emotionen freien Lauf“, sagt Ruedi Roth. Das gefalle ihm.

Was ist ihm wichtig in der Musik? Ambitioniert war er musikalisch immer schon. Er wollte Dynamik, Tempowechsel in die Lieder bringen, ungewohnte Tonartenwechsel ausprobieren und wie gesagt andere Texte singen. Dabei sei er pingelig, hört man. Er sagt dazu: perfektionistisch. Piano – forte – ritardando: Auf den Notenblättern, die er seinen Sängern verteilt, sind die Tempo-Angaben jeweils mit verschiedenen Farben markiert.

Ein Revoluzzer ist er aber nicht. Ruedi Roth ist ein sanfter Erneuerer des Jodellieds. Er ist fest verankert im traditionellen Jodelgesang und im Volkstümlichen. Dass Jodelchöre Schlager singen oder Popsongs verjodeln, das gefällt ihm gar nicht.

 

Ruedi Roth steht mitten im Leben und gleichzeitig an einem Wendepunkt. Im Januar 2014 ist er 50 Jahre alt geworden. Seine vier Kinder sind fast alle schon erwachsen. Und am 1. Mai war Schluss mit Melche und Bschötte. Nach 35 Jahren Bauern hat er seinen Bio-Hof verpachtet. Ab jetzt widmet er sich voll und ganz seinen beiden Leidenschaften. Dem Jodelgesang und dem Journalismus. Er schreibt Artikel vor allem für den St.Galler Bauer. Ruedi Roth leitet unterdessen drei Chöre und bietet unter dem Titel „Naturjodelerlebnis“ Teambildungsanlässe für Firmen an, an denen man zusammen Zäuerle, Talerschwingen oder Schellenschütteln ausprobieren kann.

Jodellieder verklären oft die manchmal harte Lebenswirklichkeit zur idyllischen Heimat. Das kann man kritisieren. Dahinter liegt aber auch eine wichtige Aufgabe. Ruedi Roth verklärt in seinen Liedern gar nichts. Es geht um die innere Stärkung der Menschen. Früher sagte man dazu: „Es ist erbaulich.“ Das ist auch Ruedi Roth ein wichtiges Anliegen mit seinen Liedern. Nur sagt er das etwas anders: Er legt das Leben der Menschen nicht in Gottes Hand und er glaubt auch nicht an die Zauberkraft der gesunden Alpbutter. Sondern er sagt: Liebe Leute, steht zu euren Gefühlen, das macht euch gesund und hoffentlich auch glücklich. In diesem Sinn ist Ruedi Roth nicht nur ein hervorragender Dirigent, ein leidenschaftlicher Tänzer und Theaterregisseur, sondern auch ein Volkspsychologe.

 

Warum heisst dieser Preis Förderpreis? Ganz einfach: Wir hoffen auf weitere Jodellieder, auf weitere Werke wie die Jodlermesse „Seeleklang“, auf Lieder, die in der Tradition verankert sind, aber doch uns alle angehen. Der Förderpreis drückt unsere Wertschätzung für seine Leistung aus, soll aber vor allem ein Ansporn und nicht zuletzt eine Unterstützung sein, dass Ruedi Roth weiterhin die Jodelszene so originell bereichert.