St. Gallische Kulturstiftung

2017, Herbst

Rebecca C. Schnyder

  • aus St.Gallen
  • Förderpreis über Fr. 10000.– für die Region St.Gallen
  • Sparte: Schriftstellerin und Theaterautorin

Urkunde

Als Dramatikerin, Romanautorin und Kolumnistin ist Rebecca C. Schnyder eine feste und prägnante Stimme in der Ostschweiz. Seit ihrem Auftragsstück «Erstickte Träume» 2015 am Theater St.Gallen kennt man ihren Namen in einer breiteren Öffentlichkeit. Wie sie in diesem Stück die Stickereibarone als rabiate Untote auftreten liess und dabei die Schuldfrage am Niedergang einer ganzen Industrie aufwarf, war schrill, präzis und grosse Unterhaltung. Die 1986 geborene Autorin hat mit weiteren Theaterstücken, dem Roman «Alles ist besser in der Nacht» sowie als Vorstandsmitglied der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur die St.Galler Literaturlandschaft erfreulich mitgeprägt. Der Förderpreis ist Anerkennung und Ermutigung zugleich.

Laudatio von Hansruedi Kugler, Stiftungsrat

Liebe Gäste

Wir leben ja hier in St. Gallen in einer Stadt, die einen ausgeprägten Sinn für Ironie hat – vielleicht sogar schwarzen Humor. Da gibt es doch im Westen der Stadt gleich beim Bahnhof Haggen eine kleine Nebenstrasse, die «Gröblistrasse». Zur Erinnerung an Isaak Gröbli, den Erfinder der Schifflistickmaschine. Die Ironie dabei ist: Die Strasse ist eine Sackgasse. Einige von ihnen haben die Pointe sicher schon erkannt. Ob die St.Galler Behörden dabei gar mit schwarzem Humor diese Sackgasse gewählt haben? Vielleicht haben sie auch nur aus reiner Verlegenheit oder aus pflichteifrigem Geschichtsbewusstsein gehandelt. Nun: Rebecca Schnyder hat die Pointe garantiert sofort bemerkt. Sie hat ein ganzes Theaterstück über den Niedergang der Stickerei geschrieben. Ein Stück, das weder aus Verlegenheit noch aus einer braven Verbeugung vor der Geschichtsschreibung besteht. Aber mit viel schwarzem Humor !

«Er – stickte. Träume» – Meine Damen und Herren – manchmal genügen zwei Worte und man ist hellwach und voller Vorfreude auf einen Theaterabend. «Er – stickte. Träume». Da steckt eine Menge drin: Geschichte und Handwerk, Hoffnung und Euphorie, Reichtum und Prunk, Elend und Niedergang hier direkt vor der Tür. Vor allem hört man hier das Versprechen einer hochbewussten Sprache, die den doppelten Boden und das Spiel; die Unterhaltung und scharfe Analyse vereint – all das funkelt bereits aus dem Titel dieses Theaterstücks, das vor zwei Jahren hier in der Lokremise Premiere hatte. Ein lang nachwirkender Theaterabend. Lange ist sie her, die St. Galler Stickereiblüte. Trockene Ökonomen würden ihren Niedergang achselzuckend mit «historisches Klumpenrisiko» kommentieren. Rebecca Schnyder packt nun das Thema mit frischem Blick und frecher Theatralik an. Kein betuliches Sozialdrama, sondern eine schwungvolle, bitterböse und schlaue Revue hat sie geschaffen. Weil ein Theaterstück aber erst auf der Bühne richtig lebendig wird, erinnern wir uns kurz:

Da steppt Isaak Gröbli vital und selbstgefällig über die Bühne. Bruno Riedl spielte ihn als coolen Variété-Direktor. Der längst verstorbene Erfinder der Schifflistickmaschine ist hier der selbstherrliche Hohepriester der Untoten: leichenblass, mit Gehstock und Zylinder. Ins schrille Totenreich gerät Alex, der junge Optimist aus der Gegenwart. Er, der mit seiner Nanotechnologie die Textilindustrie in die Zukunft führen will, aber von den dumpfbackigen Bankern keinen Kredit bekommt.

Das hatte Wucht, machte Spass und überhöhte die Wirtschaftsdepression in eine groteske Karikatur. Man fühlte sich bei dieser Travestie grad wie in der «Rocky Horror Picture Show». Im Jenseits verurteilt ein Tribunal der hohen Herren mit reinem Selbstmitleid Jahr für Jahr den Krieg. Er, der sogleich als Person auftritt, sei schuld am Niedergang der Stickerei. Wenig später, wenn die Söhne den Vätern Verlogenheit vorwerfen, sind wir fast in einem Stück von Hendrik Ibsen. Und noch etwas später in einem quälenden Stillleben: Da sticht sich eine Arbeiterin wieder und immer wieder, betäubt vom mechanischen Arbeiten, die Nadel durch die Hand, das Blut tropft und tropft. Wenn ich mich an die Szene erinnere, habe ich das Gefühl, die Nadel steche immer noch in die Hand der Arbeiterin. Vielleicht haben sich einige St. Galler grässlich aufgeregt, fanden vielleicht die Darstellung der frühen Textilunternehmer unfair bis beleidigend, eine ordinäre, freche Verspottung. Ja, man will fast hoffen, dass sich der eine oder andere aufgeregt hat – manchmal wirkt ja Aufregung wie eine Grippe: Zuerst kommt das Fieber, dann die Gliederschmerzen und nach einigen Tagen läuft man mit klarerem Kopf herum. Ein Theater, das keinerlei Grippeepidemien auslöst, wird schnell bedeutungslos. Und man darf es ruhig wieder einmal sagen: Wir haben in St. Gallen das Glück, ein quicklebendiges, hoch aufmerksames Theater zu haben. Das ist für eine Kleinstadt wie St. Gallen alles andere als selbstverständlich. Nun, nach diesem furiosen Theaterabend war mir klar: Diese Autorin gehört öfters auf den Spielplan hiesiger Theaterbühnen. Da ich aber nicht Theaterdirektor bin, sondern nur Stiftungsrat dieser St. Gallischen Kulturstiftung, kann ich Rebecca Schnyder keinen Arbeitsvertrag am Theater anbieten.

Und auch wenn Rebecca Schnyder schon Preise für Stücke und Hörspiele bekommen hatte, gilt in dieser Kulturstiftung trotzdem der richtige Grundsatz: Schnellschüsse produzieren wir nicht, Eintagsfliegen lassen wir vorbeifliegen. Rebecca Schnyder kam also auf die Dringlichkeits-Warteliste. Nach dem Motto: Mal schauen, ob da noch was kommt.

Nun stehe ich hier und halte eine Lobrede auf die Autorin. Was nichts anderes bedeutet, als: Da kam noch was. Und mehr als das: Zwei Theaterstücke, die hier in der Region zu sehen waren, und ein Roman. Die fanden leider etwas weniger Publikum als das Stück «Erstickte Träume». Das kann sich aber noch ändern. Wer Rebecca Schnyders neuestes Stück «Alles trennt» in der St.Galler Kellerbühne verpasst hat, kann das Ende November im Kellertheater Winterthur nachholen. Und im April 2018 gibt es in der Alten Stuhlfabrik in Herisau nochmals Aufführungen.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Rebecca Schnyder ist nicht die Eveline Hasler der Theaterbühnen. Sie schreibt ja nicht dauernd historische Stücke – und schon gar keine Festspiele zu Geschichtsjubiläen – auch wenn man vielleicht gerne von ihr ein freches Theaterstück über Zwingli oder Vadian sehen würde. Nein: Rebecca Schnyders Spezialität sind Psychodramen, Kammerstücke mit Familiendesaster. Sie beschäftigt sich gerne mit dem Elend der Kleinfamilie mit ihren Abhängigkeiten und Einsamkeiten. Rebecca Schnyder schreibt beunruhigende Emanzipationsgeschichten. Liebe ist hier mal ein verlogenes, mal ein verzweifeltes Wort für Unterdrückung, ein Werbeslogan für rabiate, verzweifelte Besitznahme. Und da sind wir beim Kern des literarischen Schaffens von Rebecca Schnyder: Ihrer Sprachskepsis.

Im Stück „Alles trennt“ ist die selbstsüchtig-weinerliche Mutterliebe erdrückend, die Tochter hat sich sprachlich zwanghaft hinter Werbeslogans verschanzt, bevor sie dann dank einem jungen Postboten den Familienpanzer durchbricht und sich von der zwanghaften Sprache befreit. Ihr Theaterstück „Und wenn sie gingen“ ist wiederum eine Emanzipationsgeschichte. Die Autorin verlegt die Szenerie ins Gebirge, wohin sich Mutter und Tochter zurückgezogen haben – geflüchtet vor der Gesellschaft und zugleich Opfer wahnhafter Sehnsuchts- und Angstgeschichten. In ihrem Roman „Alles ist besser in der Nacht“ tönt es dann schnoddrig so: „Die Sonne, das Arschloch, stand am Himmel.“ So redet eine abgebrühte Grossstadtgöre, eine junge Schriftstellerin, die nach ihrem erfolgreichen Erstling keinen Satz mehr aufs Papier bringt. Frei nach Sartre könnte man dieses Buch auch „Selbstekel. Protokoll eines Absturzes“ titeln: Es ist ein jugendlich-ruppiger, stilistisch etwas überhitzter Künstlerroman. Die Heldin Billy säuft, flucht, kotzt und heult gegen den Schreibstau und gegen ihre Lebensangst ­– und stösst alle vor den Kopf: Mutter, Freundin und Märchenprinz. Zynismus ist ihr hilfloses Schutzschild, Romantik die verachtete Sehnsucht. „Soll die Göre in mir doch verhungern“, denkt sie einmal. Und an einer anderen Stelle: „Alles ist besser in der Nacht. Auch der Selbstbetrug.“ Ein Antimärchen – nur mit einem halben happy end. Aber mit viel schwarzem Humor.

Das alles in den letzten Jahren. Rebecca Schnyder arbeitet seit fast zehn Jahren als freie Autorin. Wenn man die finanzielle Lage in der freien Theaterszene kennt, und weiss, wie hier jeder Franken erbettelt, erzittert und manchmal auch gespart werden muss, dann bewundert man diese Hingabe und die Kontinuität. Und weil Rebecca Schnyder seit Jahren tolle Qualität liefert, gibt ihr die St.Gallische Kulturstiftung sehr sehr gerne einen Förderpreis, der mit 10000 Franken Schub für weitere Projekte geben soll.

Ich füge gerne noch ein Postskriptum an. Denn das mit der Sackgasse stimmt in Bezug auf die Gröblistrasse und die Textilindustrie eben nur zur Hälfte. Wer sich im Westen der Stadt auskennt, weiss, dass von der Gröblistrasse ein schmaler, steiler Fussweg, der Gröbliweg, zum Bahnhof Haggen führt. Und von dort ist man mit zweimal Umsteigen in Paris. Wir alle wissen, dass es St.Galler Textilfirmen gibt, die regelmässig auf Pariser Laufstegen brillieren. St.Gallen hat also einen schmalen, mühsamen Ausweg aus der Sackgasse gefunden. Mit diesem optimistischen Satz schliesse ich meine Rede.

http://www.rcschnyder.ch