St. Gallische Kulturstiftung

2015, Herbst

Nicole Bosshard

  • aus Wil
  • Förderpreis über Fr. 10000.– für die Region Fürstenland
  • Sparte: Sängerin, Sopranistin

Urkunde

Die Wiler Sopranistin Nicole Bosshard bewegt sich musikalisch absolut überzeugend auf der Opernbühne und lässt mit derselben Leidenschaft ihre professionelle und zugleich natürlich wirkende Belcanto-Stimme auch im Kirchenschiff erklingen. Mit ihren Auftritten beweist sie eindrücklich, wie musikalischer Enthusiasmus, emotionales Engagement und nicht zuletzt immerwährendes Streben nach Perfektion im Einklang zueinander ein unvergessliches Erlebnis garantieren, dies sowohl für das Publikum als auch für alle Mitwirkenden.

Für ihr künstlerisches Schaffen und ihre fortwährende Lust, Neues zu wagen und die eigenen Grenzen auszuloten, erhält Nicole Bosshard von der St.Gallischen Kulturstiftung einen Förderpreis.

Laudatio von Barbara Sager-Bischoff, Stiftungsrätin

Es freut mich heute Abend ganz besonders, dir Nicole, von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen zu dürfen, um deine aussergewöhnlichen Leistungen als Sopranistin zu würdigen. Sie müssen wissen, als Cellistin im Sinfonieorchester Wil sehe ich Nicole Bosshard nämlich meist nur von hinten – die Solisten und Solistinnen stehen bekanntlich vorne auf der Konzertbühne. Und wenn wir im Orchestergraben spielen, sehe ich sie gar nicht, oder nur von unten. Zuweilen fühlen wir uns im Orchestergraben wie in einem 4D Kinofilm – beim Schlussapplaus beispielsweise spüren wir einen leichten Nieselregen, dann nämlich, wenn sich die verschwitzten Solistinnen und Solisten schwungvoll mit wallendem Haar am Rand des Orchestergrabens über uns verbeugen!

Möchte man Nicole Bosshard als Person mit all ihren Leidenschaften und Betätigungsfeldern charakterisieren, könnte man sagen: Ihre Welt sind die Noten und Zahlen! Es gibt Zahlen, die uns das ganze Leben begleiten, wie etwa das eigene Geburtsdatum, den Code der Bancomat-Karte oder die Telefonnummer der Schwiegermutter. Bei Nicole Bosshard fällt eine Zahl besonders auf: 157 – ihre Körpergrösse in cm. Die vergisst man nicht mehr so schnell, seit der Bariton Niklaus Kost in der Oper «La Traviata» mit seinen stattlichen 203 cm vor ihr niederkniet – und sie immer noch überragt! Sie sehen, die Sopranistin ist eher klein, sie will aber als Sängerin hoch hinaus – in Orffs «Carmina Burana» war es letzthin das dreigestrichene d! Zahlen und Noten spielen also eine wichtige Rolle in Nicole Bosshards Leben. Als Kind kommt sie schon früh mit Taktzahlen und Musiknoten in Kontakt. Sie spielt Violine, und in der Sekundarschule hat sie immer die Note 6 im Singen. Als sie an einer Weihnachtsfeier in der Tonhalle Wil ein Solo singen darf, lädt sie kurzerhand das Ehepaar Paola und Kurt Felix dazu ein. Damals wollte Nicole nämlich unbedingt Schlagersängerin werden, und da ist es doch wichtig, am Anfang der Karriere die richtigen Kontakte zu knüpfen! Aber Kurt und Paola Felix mussten sich leider entschuldigen. Nicole Bosshard wechselt schliesslich zu den klassischen Gesangsnoten, und dies ist das Verdienst ihres Vaters Ernst Bosshard. Vor gut zwanzig Jahren singt Vater Bosshard in der Opernproduktion der Musikgesellschaft Wil mit (das heutige Musiktheater Wil). Der Vater überredet die Tochter zum Mitmachen – so bekommt Nicole Bosshard ihre erste Rolle und nimmt Gesangsstunden bei Kurt Pius Koller (von ihm wird sie heute Abend begleitet). Fortan singt Bosshard im Kirchenchor zu St.Nikolaus mit und tritt immer wieder als Solistin in sakralen Werken auf. Ebenso gern ist sie aber auch Chorsängerin, als geselliger Mensch geniesst sie das Zusammensein während und nach den Chorproben sehr.

Nicole Bosshard kann auf viele Erfolge als Solistin zurückblicken, wie etwa die Auftritte beim bekannten Verdi Open Air Classic auf dem Wiler Hofplatz, oder auch Engagements mit dem Trio Arte Vienna, (in diesem Sinne, Nicole, bist du ja doch eine Schlagersängerin geworden, einfach auf die damalige Wiener Zeit bezogen!). In Messen und Kirchenkonzerten ist sie immer wieder eine gern gehörte Solistin, und dies weit über die Region hinaus. Sie entwickelt sich als Sopranistin stets weiter, sowohl stimmlich als auch schauspielerisch. An jeder neuen Rolle, jedem neuen Engagement in der Kirche oder auf der Bühne wächst sie über sich hinaus. Sie gibt sich nicht zufrieden mit dem Status quo, nein – sie fordert sich selbst mit einem Ehrgeiz und vor allem mit einer Begeisterung, die schliesslich auch im Publikum bis in die hintersten Reihen spürbar wird. In Meisterkursen bildet sie sich gesanglich weiter und holt sich auch im Schauspiel bei Fachleuten das nötige Rüstzeug.

Nicole Bosshards musikalischer Werdegang und ihre Fähigkeit, die eigenen Grenzen auszuloten, werden besonders deutlich bei ihren Rollen in den Produktionen des Musiktheaters Wil. Seit 1994 hat sie bei jeder Produktion eine Rolle gesungen – ja gelebt, möchte ich fast sagen. So wurde aus der Wiler Bürgerin Nicole erst die edle Königstochter Fenena aus Verdis «Nabucco», dann das Bauernmädchen Micaela aus Bizets «Carmen», später die schlaue Räuberstochter Fiorella aus Offenbachs «Banditen» – und schliesslich die Kurtisane Violetta aus Giuseppe Verdis «La Traviata», dies wohl als vorläufiger Höhepunkt in Bosshards Schaffen. Verdis Violetta ist für eine Sopranistin eine Traumrolle, die von der Sängerin viel abverlangt, ihr aber auch die Möglichkeit gibt, alle Register zu ziehen. Als es um das Einstudieren der «La Traviata» ging, meinte ihr jetziger Gesangslehrer Ivan Konsulov: «Meitli, das git Arbet». Nicole Bosshard hat die Herausforderung angenommen, die Arien geübt, die italienische Sprache zur Verdi-Zeit studiert und sich bei den Proben mit der Regisseurin Regina Heer allmählich ihre eigene Violetta geformt. Denn sie betont: Mit dem Singen entsteht das Skelett einer Figur, und erst im Schauspielerisch-Dramaturgischen nimmt eine Rolle ihre endgültige Gestalt an, so wie sie dann im Ganzen auf den Zuhörer wirkt. Die musikalischen Liebesseufzer der sterbenden Violetta bleiben dem Publikum in bester Erinnerung, Nicole Bosshard hat mit ihrer facettenreichen Interpretation dieser tragischen Figur und mit ihrer warmen und natürlich wirkenden Belcanto-Stimme ihr ganzes Können eindrücklich unter Beweis gestellt.

«Mich in die Herzen der Zuhörer zu singen und an jedem Engagement zu wachsen, das ist mein Ziel.» So lautet ein Leitsatz der Sopranistin, und hört man auf die überaus positiven Publikumsreaktionen, hat sie ihr Ziel definitiv erreicht. Ein Erfolgsrezept in ihrem Schaffen ist ihre intensive Emotionalität – ihr Credo beim Singen heisst denn auch: «Ich versuche das zu spüren, was ich singe.» So ist es nicht verwunderlich, wenn sie in einem Interview sagt: «Es ist anstrengend, 16 mal zu sterben!» – So viele Male stand sie als Violetta in der «Traviata» auf der Opernbühne. Und so liegt ihre Stärke in ihrer Ausstrahlung und in der Ausdruckskraft, die sie bei jedem Auftritt stilbewusst einsetzt.

Zahlen und Noten: Sopran-Noten und Taktzahlen sind ihre Leidenschaft – tagsüber aber beschäftigt sie sich mit Steuerzahlen, und dies mit genauso viel Herzblut! Nicole Bosshard hat eine Vollzeitstelle als Steuerkommissärin beim Steueramt des Kantons St.Gallen. Sie hat sich bewusst für dieses Doppelleben (Steuern und Musik) entschieden, und sie betont, das Steueramt sei ein idealer Arbeitgeber, um beides unter einen Hut zu bringen. Die zwei so unterschiedlichen Bereiche sind in den Augen von Nicole Bosshard eine ideale Ergänzung und ein optimaler Ausgleich für sie. So sagt sie: «Ich singe beim Steuern, und steuere beim Singen». Wer weiss, vielleicht gibt es ja irgendwann einmal einen Steueramts-Chor! Geschätzte Anwesende, wer möchte nicht von Nicole Bosshard veranlagt werden – da muss ja Steuern zahlen ein Vergnügen sein!

Liebe Nicole, Steuern werden im Kanton St.Gallen wohl nicht so bald abgeschafft. – So kannst du dich weiterhin an deinen Arbeitsplatz zurückziehen, um beim Veranlagen von Steuerbeträgen abzuschalten und Energie zu tanken für neue Musik-Projekte. Und ich persönlich bin froh, dass Kurt und Paola Felix damals verhindert waren, sonst kämen wir heute vielleicht nicht in den Genuss dieser beeindruckenden Stimme in Kirchenkonzerten und Opernproduktionen. Für ihre aussergewöhnliche Leistung als Sopranistin verdient die Wilerin Nicole Bosshard eine grosse Anerkennung. Der Förderpreis der St.Gallischen Kulturstiftung soll Ansporn sein für die Verwirklichung zukünftiger Projekte und die Umsetzung neuer Ideen, und dies mit derselben Leidenschaft und Schaffenskraft wie bis anhin. Im Namen des gesamten Stiftungsrats gratuliere ich dir, Nicole Bosshard, zu diesem Preis ganz herzlich!

http://www.nicole-bosshard.com