St. Gallische Kulturstiftung

2013, Frühjahr

Marlies Pekarek

  • aus St.Gallen
  • Anerkennungspreis über Fr. 15000.– für die Region St.Gallen
  • Sparte: bildende Künstlerin

Urkunde

Marlies Pekarek erhält den Anerkennungspreis der St.Gallischen Kulturstiftung für ihre intensive und vielgestaltige Grenzwanderung zwischen Kunst, Kommerz und Volkskultur. In grossen Werkzyklen erforscht sie religiöse, historische und zeitgenössische Bildnisse nach Repräsentationsformen und Identifikationsmechanismen. Die aussergewöhnliche formale Umsetzung mit Materialien aus dem Alltag und das Prinzip der Vervielfältigung eröffnen ein Spannungsfeld, wo die Schöpfung originärer Kunstwerke auf die Kopie, das Handwerk auf die Massenproduktion trifft. Damit stellt sie aktuelle und grundsätzliche Fragen nach der Rolle der Künstlerin im Zeitalter der stetigen Verfügbarkeit und grenzenlosen Reproduzierbarkeit von Bildern.

Laudatio von Corinne Schatz, Präsidentin

Will man das weit verzweigte und zugleich inhaltlich eng vernetzte Werk von Marlies Pekarek würdigen, muss man notgedrungen einige Aspekte auswählen, im Bewusstsein, dass es noch viele andere gäbe, die ebenso interessant und besprechenswert wären. Ich möchte den Schwerpunkt auf ihre neueren Arbeiten legen und darin drei thematische Aspekte hervorheben, die ihr Schaffen der letzten Jahre besonders geprägt haben: das Bildnis und seine Rezeption, das Verhältnis zwischen Original und Kopie, sowie die Bedeutung des Materials.

Biografisches 1957 in Bern geboren hat Marlies Pekarek, nach längeren Aufenthalten in Neuseeland und Australien, 1987 bis 1990 den Lehrgang Bildende Kunst an der F+F Schule für Kunst und Mediendesign in Zürich besucht und ab 1992 ein Kunststudium an der Southern Cross University in Lismore, Australien absolviert, das sie 1994 mit dem Master of Arts abschloss. Seit 1996 lebt und arbeitet sie als freischaffende Künstlerin in St.Gallen.

Eine der Wurzeln von Marlies Pekareks Schaffen liegt in den Erfahrungen, die sie während ihres Kunststudiums in Australien gemacht hat. Einen tiefen Eindruck hinterliess einerseits die Begegnung mit der Kultur der Ureinwohner und deren Versuch, ihre Traditionen im Umfeld der westlich geprägten Kunstszene zu bewahren und weiterzuentwickeln. Dies prägte ihr Nachdenken über das Verhältnis von Kunst und Alltag, sowie von künstlerischer und religiös-ritueller Praxis. Andererseits begegnete die Studentin in Australien an jedem erdenklichen Ort Porträts der britischen Königin, Elisabeth II. Diese Allgegenwart einer personifizierten Staatsmacht erschien der jungen Schweizerin befremdlich. Es mag unter anderem diese frühe Beobachtung gewesen sein, die sie vor einigen Jahren zur intensiven Beschäftigung mit Herrscherbildnissen und anderen Formen der Repräsentation berühmter Figuren der Geschichte, der Mythologie und der Kunstgeschichte geführt hat, sowie mit Erinnerungs- und Verehrungsaspekten, die darin zum Ausdruck kommen. Parallel dazu erforschte die Künstlerin die Bedeutung religiöser Darstellungsformen und Praktiken der Verehrung, wie sie beispielsweise in den tausendfach produzierten Madonnenfigürchen, die an Pilgerorten verkauft werden in Erscheinung tritt.

Basierend auf diesen Grundlagen entwickelte Marlies Pekarek ein weitläufiges Projekt, das in verschiedenen Ausstellungen (unter anderem in der Stiftsbibliothek St.Gallen) und 2010 ineinem Künstlerbuch mit dem Titel «Madonnas, Queens and other Heroes» präsentiert wurde und das seither vielfältige Erweiterungen erfahren hat. So im kürzlich erschienenen, in Zusammenarbeit mit der australischen Künstlerin Geraldine Searles geschaffenen Comicbuch «A Cautionary Tale».

In ihrem in den vergangenen Jahren entwickelten Werkzyklus sucht Pekarek nach den Parallelen in Habitus, Kleidung und Darstellungsformeln zwischen religiösen und weltlichen Bildnissen. Sie interessiert sich sowohl für ikonografische und typologische Fragen, wie auch für die Präsentations- und Rezeptionsgeschichte dieser Bilder. Dabei arbeitet sie nach historischen Vorbildern – Gemälden und Skulpturen, die sie am Computer vielfältigen Veränderungen unterzieht und beispielsweise mit schwarzer Wasserfarbe auf hautfarbene, zu grossen Flächen zusammengenähte Wachspapiere zeichnet. Die perlende Struktur des Pinselstrichs lässt in diesen Bildern filigrane, transparente Strukturen entstehen, die an die Kostbarkeit edler Stoffe oder Spitzen erinnern und den Gestalten eine schwebende, zarte Erscheinung geben. Andere überträgt sie als Laserdruck auf schwarz-weisse Papier- und Foliencollagen.

In ihrer letztjährigen Ausstellung «Time shifts, patterns stay the same» im Kunstraum Engländerbau in Vaduz erweiterte sie das Projekt mit einem Adelskabinett sowie einer Votivwand, die eine Vielzahl von Adelsporträts, respektive volkstümliche Heiligenbilder in unterschiedlicher Bearbeitung zusammenführten. Gefundene und selbst gemalte oder bearbeitete Bilder in verschiedensten Formaten, nippesartige Kleinskulpturen aus unterschiedlichen Materialien wie Gips, Wachs oder Porzellan füllten die Wände. Dazu kamen Affenbüsten aus Porzellan ebenso, wie eine Gruppe von kleinen Porträtbüsten von Persönlichkeiten aus der Kunstszene, die sie im Stile von Kleinskulpturen bekannter historischer Figuren aus Seife anfertigte. So begegnet uns der Direktor des St.Galler Kunstmuseums sowohl als Johann Sebastian Bach wie auch als Molière.

In die Auseinandersetzung mit Ritualen der Verehrung gehören auch die Madonnenfiguren, die sie in Seife formt. Vorlagen sind hier die Nachbildungen berühmter Madonnen, die an den Wallfahrtsorten (wie Einsiedeln, Lourdes u.a.) zu Tausenden verkauft werden. Die von Pekarek selbst angefertigten Multiples sind im Spannungsfeld zwischen Reihenproduktion und Einzelanfertigung, sowie zwischen Kunstwerk und Gebrauchsgegenstand kaum zu positionieren. Ihre Materialität stellt die Frage nach der Wertschätzung als Kunstwerk umso deutlicher, da sie sich potentiell für den Gebrauch anbietet. Soll man eine Seifenmadonna zum Duschen verwenden oder bewahrt man sie als Kleinod in einer Vitrine? Die Seife verweist jedoch auch wieder auf einen religiösen Hintergrund: die rituelle Waschung ist wichtiges Element religiöser Praxis, genauso wie der Rosenduft, den sie der Seife beimischt, Essenz einer Blüte, die in vielen Religionen besondere symbolische Bedeutung hat. So zeigt sich die bewusste und differenzierte Wahl der Materialien als wesentlicher, durchaus auch inhaltlich geprägter Aspekt in ihrem Schaffen.

Die Vervielfältigung, die gerade in diesen Multiples sozusagen ein Echo wie auch ein Kontrapunkt zur industriellen Massenproduktion der Vorlagen bildet, führt zu einer weiteren thematischen Schnittstelle im komplexen Werk der Künstlerin, setzt sie sich doch intensiv mit Fragen nach dem Verhältnis von Original und Kopie, sowie mit der Rolle der Künstlerin auseinander. Während in der Welt der Kunst eine Kopie traditionellerweise als wertlos, genauso wie der Kopist als reiner Handwerker verachtet wird, scheint diese Frage im religiösen und im volkstümlichen Bereich weniger virulent zu sein, ja teilweise gehört es ausdrücklich zum Brauchtum, Objekte immer wieder neu aber nach altem Vorbild zu schaffen. Zugleich fügt sich Pekareks Ansatz hier in einen internationalen Diskurs ein, der in vielfältiger Weise die zeitgenössische Kunst beschäftigt und unter dem Begriff der «Appropriation Art» zusammengefasst wird. Die Künstlerin erweitert diesen Diskurs durch ihre ebenso irritierende wie faszinierende Verschränkung von Motiv, Herstellungsweise und Materialität.

http://www.pekarek.ch