St. Gallische Kulturstiftung

2017, Frühjahr

Goran Kovačević

  • aus Engelburg
  • Anerkennungspreis über Fr. 15000.– für die Region St.Gallen
  • Sparte: Musiker (Akkordeon), Komponist

Urkunde

Mit seinem Akkordeon durchwandert Goran Kovačević als Interpret und als Komponist musikalische Regionen und Traditionen. Vom Balkan nach Appenzell bis Argentinien, von der Volksmusik zum Tango Nuevo und vom Jazz zu klassischer wie experimenteller Musik führen ihn seine Entdeckungsreisen in die weite Welt der Klänge und Rhythmen. Als Solist wie in zahlreichen Ensembles und Kooperationen tritt er in ausgedehnten Konzerttourneen in der ganzen Welt auf und begeistert sein Publikum mit Leidenschaft, Virtuosität und purer Spielfreude. In seinen Armen atmet, rauscht, stampft und pocht, singt und klingt sein Instrument in immer wieder überraschenden Nuancen und Klangfarben, als hätte es ein Eigenleben. Für sein weltumspannendes musikalisches Schaffen zeichnet die St.Gallische Kulturstiftung Goran Kovačević mit dem Anerkennungspreis aus.

Laudatio von Corinne Schatz, Präsidentin

Der Akkordeonist liegt auf dem Boden – das Instrument seufzt – neben ihm liegt der Tänzer, er spielt eine kleine Melodie auf dem Instrument – sie beide verkörpern Peer Gynt. Die Inszenierung des Ibsen Stücks von Beate Vollack am Theater St.Gallen im vergangenen Jahr hat Furore gemacht. Der Akkordeonspieler – natürlich – Goran Kovačević. Er hat nicht nur eine Begleitmusik zum Tanzstück entwickelt, sondern er ist das Alter Ego des Peer, zusammen mit dem Tänzer Exequiel Barreras spielt er die schillernde, mit sich selbst ringende, nach sich selbst suchende Figur. Wann immer Peer versucht, mit seiner Seele in Kontakt zu treten, ist es das Akkordeon, das dieser Suche Ausdruck verleiht, es ist seine innere Stimme, sein Schatten, sein Abgrund, seine Sehnsucht – und noch viel mehr. Kovačević hat, ausgehend von Edvard Grieg und zahlreichen anderen Quellen, wie Ligeti oder Gubaidulina, die Musik zum Tanzstück arrangiert und komponiert. Und er ist integraler Teil des Ensembles, bewegt sich auf der Bühne mit den Tänzerinnen und Tänzern – das Zusammenspiel aller Akteure ist zugleich symbiotisch wie spannungsgeladen. Es war einer der grossen Momente der letzten Saison auf der St.Galler Bühne.

Und einer der zahlreichen Höhepunkte in Goran Kovačevićs Schaffen. Dass wir ihn heute als St.Galler Kulturschaffenden auszeichnen können (ein Preis, der sich in eine bereits stattliche Reihe einfügt), ja vor allem dass er im Ostschweizer Kulturleben eine feste Grösse ist und wir immer wieder Gelegenheit haben, in der Stadt oder in der Region seine Konzerte zu besuchen, haben wir eigentlich dem Landeskonservatorium in Feldkirch zu verdanken, das den damals erst 28-jährigen Musiker 1999 aus zahlreichen Bewerbungen ausgewählt hat und ihm die Professur für Akkordeon und Kammermusik gab. Das brachte ihn und seine Familie in die Ostschweiz, hier lebt er in Engelburg mit seiner Frau Branka, dem Sohn Nikola und den Töchtern Viktorija und Teodora.

Geboren und aufgewachsen ist Goran Kovačević 1971 in Schaffhausen. Schon im Kindergartenalter begann seine Mutter, ihm das Akkordeonspielen beizubringen, später studierte er das Instrument am Konservatorium in Winterthur und an der Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen (D) bei Prof. Hugo Noth, sowie in zahlreichen Meisterkursen.

In St.Gallen ging schon bald die Nachricht um, von dem «Handörgeler», der so mitreissend spiele. Immer öfter trat Goran hier und dort auf – ich erinnere mich z.B. an die zweite Museumsnacht, als er im projektraum exex auftrat: «Drei virtuose Musiker versprühen Charme und Spielwitz. Seelenmusik einer Reise durch Stile und Melodien Südosteuropas – eine Synthese von Balkanfolklore, Zigeunermusik, Jazz und Tango. Mit Goran Kovačević (Akkordeon), Gavro Niukolic (Violine und Gesang) und Patrick Kessler (Kontrabass)», versprach das Programm – und damit nicht zuviel – der Sound war mitreissend, die Stimmung ausgelassen. Später entstand mit Kessler und den Lenzin Brüdern Enrico und Peter das Duša Orchestra (zu Deutsch Seelen-Orchester), das bis 2012 regelmässig auftrat.

Das Zusammenspiel mit anderen Musikerinnen und Musikern gehört untrennbar zu Kovačevićs Schaffen. Der grenzüberschreitende, ja Grenzen überwindende Austausch in der Musik liegt ihm sehr am Herzen und zeigt die grosse Bandbreite seiner musikalischen Interessen und Talente. Grenzüberschreitend ist seine Musik im Wandern durch verschiedenste Epochen und Stile. Zurzeit ist er mit dem Organisten Paolo d’Angelo mit einem Programm unterwegs, das Musik aus vier Jahrhunderten umfasst, von der Renaissance bis in die Gegenwart, von sakraler Musik bis zum Tango Nuevo sowie Eigenkompositionen.

Grenzen lösen sich auch auf in der Internationalität der Ensembles, mit denen er auftritt. In seinen Konzerten, die ihn durch Europa, Amerika und Asien führen, und in den CD-Einspielungen (47 bisher! Soeben ist eine neue CD unter dem Titel «His-Story» erschienen) kann die Menschen und Kulturen verbindende Kraft der Musik eindrücklich und berührend erlebt werden. Ebenso wie die gelegentlich erstaunlichen Berührungspunkte unterschiedlicher Musiktraditionen. So beispielsweise wenn in einer «Appenzeller Balkan Stobete» der Akkordeonist mit dem Appenzeller Echo zusammenfindet und nicht nur Zäuerli und Balkanrhythmen nahtlos ineinander übergehen, sondern auch Dave Brubecks Take Five ebenso selbstverständlich wie ein Arrangement schottischer Dudelsackmusik erklingen.

In solchen Momenten zeigt sich auch die unglaubliche Wandelbarkeit des Akkordeons, das wie ein ganzes Orchester fast alle Instrumente in sich zu vereinen scheint. Viele Stücke, die Goran spielt, v.a. historische aus der Renaissance, dem Barock und auch dem 19. und 20. Jh. muss er transkribieren. Dies ist auch deshalb notwendig, weil es sich bei diesem Instrument um ein recht junges handelt. Erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt, bahnte es sich – in unterschiedlichen Formen zunächst in der Volksmusik seinen Weg. Kompositionen für Soli oder Kammermusik aus dem Bereich sog. «ernster» Musik gibt es jedoch erst ab den 1930er Jahren.

Wenn ich Goran Kovačević zuhöre und zuschaue, dann scheint mir, dass ihn – neben den Rhythmen aus dem Balkan, dem Ursprung seiner Familie – eine ganz besondere Liebe mit dem Tango Nuevo von Piazzolla verbindet. Da werden Musiker und Instrument eins, er wiegt es in seinen Armen, sein ganzer Körper schwingt im Rhythmus mit, er spielt mit geschlossenen Augen.

Es würde den Rahmen sprengen und ergäbe auch eine endlose Aufzählung, wollte ich all die Projekte nennen, die der Musiker schon lanciert hat oder in denen er gerade steckt. Sein Konzertkalender ist schwindelerregend. Ein besonderes Projekt, an dem Goran seit 2004 massgeblich beteiligt ist, soll jedoch noch erwähnt sein, denn es zeigt eine weitere Facette seines leidenschaftlichen Engagements für die Musik, das er auch an die Jugend weitergeben will: «Die Schurken». Das ist Musiktheater für Kinder und Junggebliebene vom Feinsten – demnächst treten die vier Musiker mit dem Stück «Unterwegs nach Umbidu» in der Elbphilharmonie auf. «An einem kalten Abend treffen vier melancholische Gestalten aufeinander. Keiner weiss, wie er die dunklen Wolken loswerden soll. Doch zum Glück gibt es ja die Musik … Eine sensible, aber auch witzige Geschichte über die Freundschaft. Ton für Ton lernen die vier einander kennen, bis sie beschliessen Umbidu zu suchen, den Ort, an dem angeblich das Glück wohnt. Mit Fantasiesprache, Improvisationen und Musik von u.a. György Ligeti und Erik Satie entsteht eine ergreifende, sensible, aber auch witzige Geschichte über die Freundschaft, einfühlsam und virtuos gespielt vom österreichischen Ensemble Die Schurken.» (Ankündigung auf der Webseite der Elbphilharmonie Hamburg) Ausgezeichnet wurde das Stück bereits 2015 mit dem «Junge-Ohren-Preis».

Um den Kreis zum Anfang zu schliessen, sei ein neues Theaterprojekt als Schlusspunkt gesetzt: Schon mehrmals war der Musiker in Projekten von Astrid Keller und Leopold Huber am See-Burgtheater in Konstanz beteiligt. (bisher: Romeo und Julia auf dem Dorf 2005, Die schwarze Spinne 2010, Der Zwerg in mir 2014) In diesem Sommer wird Ödön von Horvaths Stück «Kasimir und Karoline» aufgeführt, Kovačević zeichnet zusammen mit dem Baro Drom Orcestar für die Musik verantwortlich.

Ein geheimnisvolles Rauschen ertönt, wenn man die Webseite von Goran Kovačević öffnet. Wie ein tiefes Atmen. Dann ein Seufzen und hohe Pfeiftöne, ein bisschen klagend, vielleicht. Es ist sein Akkordeon. Das Instrument, dem der Musiker immer wieder neue, ungewohnte Laute entlockt. Dort finden Sie alles, was ich hier nicht erwähnen konnte, und vor allem finden Sie die nächsten Daten, wo Sie ihn live hören und erleben können. Bereichernde, Herz erwärmende, beeindruckende musikalische Reisen und Höhenflüge sind garantiert.

https://goran-kovacevic.com